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Montag 13. Februar 2017 | Alter: 38 Tage

Erfahrungen, die unter die Haut gehen

Kategorie: alle Nachrichten


Mojtaba (l.) und Masoud Sadinam lesen aus ihrem Buch „Unerwünscht“ im AWO-Treff. Die AWO stellte als Pate des Unterstützerkreises für Flüchtlinge und Asylbewerber der Gemeinde Lienen die Räumlichkeiten zur Verfügung.

LIENEN. Dieser Abend ließ niemanden kalt. Dicht gedrängt saßen die Besucher, Einheimische wie Flüchtlinge, im AWO-Treff und verfolgten die Lesung von Mojtaba und Masoud Sadinam. „Unerwünscht: Drei Brüder aus dem Iran erzählen ihre deutsche Geschichte“ ist der Titel des Buches, in dem die beiden 32-Jährigen und ihr jüngerer Bruder Milad ihre Flucht aus dem Iran nach Deutschland Mitte der 1990er Jahre Revue passieren lassen. Ihre Flucht, vor allem aber ihre Ankunft in einem Land, in dem ihnen das Ankommen nicht leicht gemacht wurde.

Es ist ein Heimspiel, das die Zwillinge Sadinam Anfang Februar in Lienen absolvieren. Viele alte Bekannte sind da, möchten die beiden, die in Lengerich eine zweite Heimat gefunden haben und heute in Frankfurt leben, wieder sehen, ihnen zuhören, mit ihnen sprechen. Und da sind viele Menschen aus dem Unterstützerkreis für Flüchtlinge und Asylbewerber der Gemeinde, der den Abend gemeinsam mit der Evangelischen Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Tecklenburg organisiert hat.

"Es tat den Flüchtlingen gut, zu hören, dass die Brüder Ähnliches erlebt haben"  

„Es tat ihnen gut zu hören, dass es den Brüdern Sadinam damals genauso ging wie ihnen heute“, hat Christina Kortmann-Zuch von der Gemeinde Lienen respektive vom Unterstützerkreis beobachtet, als sie mit Flüchtlingen eine Lesung der des Trios in Emsdetten besuchte. Grund genug für sie, die Autoren aus dem Iran nach Lienen einzuladen und sie von ihrer deutschen Geschichte erzählen lassen. Trotz des rappelvollen Treffs ist es eine familiäre Atmosphäre, in der die Zwillinge Mojtaba und Masoud aus ihrem Buch „Unerwünscht“ lesen und sich den Fragen des Publikums stellen. Ihr Bruder Milad ist bei der Lesung nicht dabei.

Mit Fluchtursachen auseinandersetzen

„Unerwünscht“, diesen Titel wollen die Sadinams, die vor 21 Jahren mit der Mutter und dem zwei Jahre jüngeren Bruder aus dem Iran geflohen und von Schleppern nach Deutschland gebracht worden sind, nicht falsch verstanden wissen. „Das passt nicht zum neuen Zuhause, das wir hier gefunden haben“, machen sie deutlich, wie sie sich heute fühlen. „Unerwünscht“, der Titel ihres Buches beziehe sich vielmehr auf das deutsche Asylrecht und seine Auslegung. „Die ablehnende Haltung würde sich ändern, wenn man sich mit den Fluchtursachen auseinandersetzen würde“, sind sie überzeugt. Dies sei der Kern des Problems. Und sie bedauern, dass sich ihre Hoffnung, dass nach der Krise von 2015 mehr darüber gesprochen würde, bisher nicht erfüllt habe.

Dürfen wir in Deutschland bleiben? Diese entscheidende Frage habe bis zur endgültigen Einbürgerung in 2011 eineinhalb Jahrzehnte ihr Leben und das ihrer getrennt lebenden Eltern bestimmt. Sie berichten von Beamten, „die so leblos waren, wie die Plastikpflanzen hinter ihnen“ sowie an den Gang durch alle Instanzen.

„Die wollten uns um jeden Preis loswerden“, sind sie überzeugt. Die eindringlichen Erfahrungen und Erinnerungen lassen sie bis heute nicht los. Sie hatten Glück. „Aus eigener Kraft hätten wir das nicht geschafft“, sind sie dankbar für die vielen Menschen, die mit ihnen gekämpft und sich für die Familie eingesetzt haben.

Text und Foto: Dietlind Ellerich