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Montag 27. Februar 2017 | Alter: 117 Tage

Zuhören, aushalten und ernst nehmen

Kategorie: alle Nachrichten


Chefredakteur Gerd-Matthias Hoeffchen (l.) mit Gastgeber Dr. Karl Wilms.

RHEINE. „Der Riss in der Gesellschaft droht so groß zu werden, dass wir auseinanderfallen“, sagt Gerd-Matthias Hoeffchen. Der Chefredakteur der evangelischen Zeitung „Unsere Kirche“ macht aus seiner Sorge vor dieser Gefahr keinen Hehl.

Am 22. Februar war Hoeffchen zu Gast im Jakobi-Treff „Kirche und Welt“ in Rheine. Über 50 Frauen und Männern brannte sein Vortagsthema „Angst, Wutbürger und Rechtspopulismus“ unter den Nägeln. Sie verfolgten seine Ausführungen gespannt und fragten im Anschluss unter der Moderation von Dr. Karl Wilms auch recht kontrovers nach. Viel stehe auf dem Spiel, deshalb seien Lösungen dringlich, machte Hoeffchen im Hinblick auf das Auseinanderdriften mit möglichen gefährlichen Folgen für Deutschland, Europa, die westliche zivilisierte Welt, ja für die gesamte Erde deutlich.

Einfache Lösungen seien für viele Menschen attraktiv, die sich von den bisherigen Parteien im Stich gelassen fühlten, begründet er den Zustrom zu rechtspopulistischen Parteien wie der AfD, ist aber sicher, dass lediglich ein Bruchteil dieser Wähler Neonazis und Rassisten seien. „Wir können nicht mit ihnen reden, denn sie wollen nicht diskutieren, sie wollen missionieren, und das machen sie gut“, gibt Hoeffchen in Bezug auf Frauke Petry & Co. zu bedenken. Er setzt sich dafür ein, die Menschen, die sich aus Angst vor der Zukunft, vor Terror und Fremden in die einfachen Lösungen flüchteten, ernst zu nehmen. „Wir müssen zuhören, verstehen“, stellt Hoeffchen klar, dass er es für einen schweren Fehler halte, die von Sorge, Angst, Verbitterung und dem Gefühl von Ohnmacht Geplagten an Hand von Fakten erklären zu wollen, dass sie sich irrten.

Die Terrorgefahr sei seit den 70er/80er Jahren nicht gestiegen und schon gar nichts gegen das Risiko, im Auto oder im Haushalt zu verunglücken, weiß er. Aber: „Kommen sie ihnen nicht mit Fakten, hören sie erst einmal zu“, rät er und ist sich bewusst, dass das einfacher klinge, als es sei.

„Zuhören, aushalten, ernst nehmen, vielleicht irgendwann kraft seines Zeugnisses etwas dagegensetzen“, gibt der Diplom-Theologe und Journalist als Devise aus. Es sei notwendig etwas zu tun, damit der Riss nicht größer werde, vor allem sei wichtig, dass der Ton anders werde. „Wenn wir den Ton nicht ändern, werden wir nicht miteinander reden oder streiten“, wirbt Hoeffchen für die Auseinandersetzung als Grundpfeiler der Demokratie und für Kompromisse, um tragfähige Lösungen und Mehrheiten zu erreichen.

Es sei gut und wichtig, die christliche Position auf der Seite der Schwachen und der Fremden zu bedenken, aber auch zu erkennen, dass sie nicht von allen geteilt werde, sagt der Theologe zur Rolle der Kirche. Diese könne Räume zum Gespräch, zum Zuhören, für Begegnungen bieten, rät er, macht aber deutlich, dass es Grenzen und rote Linien geben werde. „Ein Sarrazin ist schwer auszuhalten, aber man muss. Man kann nicht alles verbieten, was man nicht toll findet“, macht Hoeffchen nachdrücklich klar.

„Zuhören, aushalten und ernst nehmen“ hatte auch in der folgenden kontroversen Diskussion oberste Priorität. „Wir müssen informieren“, begegnete der Journalist Hoeffchen dem Einwand eines Besuchers, die Presse mache Angst vor der AfD. „Wenn die Presse ruhig geblieben wäre, hätte es in Münster die Demo gegen den Neujahrsempfang der AfD im Friedenssaal nicht gegeben“, war der Gast überzeugt, dass eine starke Demokratie diese Partei überstehen könne. „Wenn´s so ist, dann ist es super, dann habe ich mich vertan“, hofft Hoeffchen in einigen Jahren sagen zu können.

Text und Foto: Dietlind Ellerich