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Mittwoch 15. März 2017 | Alter: 101 Tage

Prof. Dr. Niko Paech: Aufbruch in die Postwachstumsökonomie

Kategorie: alle Nachrichten


Prof. Dr. Niko Paech

Eigentlich wissen wir es schon lange – die Menschheit hat die ökologischen Grenzen unseres Planeten längst überschritten und wir leben auf „Pump“ und auf Kosten kommender Generationen. Ein ewiges „Weiter so!“ in Wirtschaft und Gesellschaft kann nicht funktionieren und ist nicht nachhaltig. Auf der anderen Seite gilt in Politik und Wirtschaft doch stets die Forderung nach mehr Wachstum. Während die übermäßige Ausbeutung unse-res Planeten für uns bisher kaum direkt spürbar wird, sind die Alarmzeichen dennoch nicht zu übersehen: Klimawandel, Artenrückgang, Migration, Krisenherde – die Menschheit steht vor gigantischen Herausforderungen.

Dies ist das Forschungsfeld des Oldenburger Ökonomen Prof. Dr. Nico Paech. Auf Einladung des ev. Sozialseminars Lienen stellte er im Gemeindehaus Kattenvenne vor über 80 interessierten Zuhörern aus nah und fern sein Konzept einer Postwachstumsökonomie vor. Dabei machte er seinem Ruf als fesselnder Redner alle Ehre.

Als erstes entzauberte er den Gedanken an ein „grünes Wachstum“, dass es also bei gleichbleibendem Energie- und Ressourcenkonsum gelingen könne, allein durch technische Fortschritt und den Umbau auf regenerative Energieträger die Wende hin zu einem nachhaltigen Leben zu schaffen. Sein von einem pro Individuum zur Verfügung stehenden „Lebenskontingent“ an Energie und Ressourcen abgeleitetes Credo lautet, dass wir in den Industrieländern zunächst mindestens ¾ unseres Energie- und Ressourcenver-brauches einsparen müssen. Daran geht aus seiner Sicht kein Weg vorbei.

Dass damit aber nicht reine Askese und Verzicht gemeint ist und sogar ein Gewinn an Lebensqualität möglich ist, zeigte er anhand seines Konzeptes der Postwachstumsökonomie auf. Sehr anschaulich wurde dies am Beispiel der Zeit. Uns allen fehlt sie, die Stressgesellschaft leidet unter einem extremen Anstieg an psychischen Erkrankungen, Antidepressiva und Burnout-Erkrankungen verzeichnen starke Zunahmen. Aber tief stecken wir alle drin im System, nehmen unsere Rolle ein, ein Ausstieg ist kaum möglich. Unsere zeitliche Effektivität ist kaum noch steigerbar. Die ehrenamtlich geleistete Arbeit will kaum noch jemand verrichten, obwohl sie das Grundgerüst unserer Gesellschaft darstellt. Wie schön wäre es, wenn, so Paech, jeder nur noch 20 Wochenstunden mit Erwerbsarbeit zubrächte und 20 Stunden frei blieben für die „marktfreie Versorgungszeit“. Darunter versteht Paech all das, was er unter „Subsistenz“ zusammenfasst: Reparatur und Aufarbeitung gebrauchter Gegenstände, Erzeugung von Lebensmitteln in der Region, kulturelle Initiativen, ehrenamtliche und sinnstiftende Arbeit – all das, was unseren Lebensstil wirklich nachhaltig macht.

Aus Sicht des Referenten stellt die (stark wachsende) globale Mobilität heute und in Zukunft das größte ökologische Problem dar. Durch den Individual- und Güterverkehr, allen voran die Flugreisen, werden in einem Maße Energie und Ressourcen verschwendet und die Umwelt verschmutzt, wie es kein noch so „nachhaltiger“ Lebensstil wieder wettmachen kann.

Im Zusammenhang mit der dringend notwendigen Regionalisierung der Lebensmittelversorgung stellt er eine brandneue wissenschaftliche Studie vor, der zufolge eine 100%ige Versorgung der Großstadt Hamburg mit ökologisch erzeugten Lebensmitteln aus einem Umkreis von 100 km rund um die Stadt möglich wäre – einen etwas fleischärmeren (und damit gesünderen!) Speisezettel allerdings voraus gesetzt.

Paech sieht eine seiner Hauptziele darin, „postökonomisch“ aktive Menschen miteinander zu vernetzen und mit Hilfe seiner Forschungen in ihrem Tun zu unterstützen. Aus seiner Sicht gibt es keinerlei Alternativen zu einer Postwachstumsökonomie. Wenn wir unseren Energie- und Ressourcenhunger nicht freiwillig drastisch einschränken, werden uns die Auswirkungen unserer Lebensstile in nicht allzu ferner Zukunft dazu zwingen. Eine freiwil-lige Umstellung unserer Ökonomie und Ressourcennutzung würde aber wahrscheinlich friedlicher vonstatten gehen.

So erfreulich die große Anzahl der Zuhörer war, so schade war die mangelnde Teilnahme der jüngeren Generation. Manch ein Gast nutzte das Angebot der Buchhandlung Oberhellmann aus Lengerich, sich mit einem der von Paech geschriebenen Bücher zu versorgen und sich somit intensiver mit den Gedanken des Vortragsgastes befassen zu können.

Text: Dr. Anja Oetmann-Mennen