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Montag 27. März 2017 | Alter: 210 Tage

„Die Geflüchteten und wir – Fakten, Ängste, Hoffnungen, Perspektiven“

Kategorie: alle Nachrichten


Das 12. Männerfrühstück im Kirchenkreis Tecklenburg zog viele Interessenten an, auch einige Flüchtlinge aus Ibbenbüren waren zu Gast. Viele Informationen zum Thema „Flüchtlinge“ gab es von Andrea Seidel, Fachdienstleiterin Recht und Ordnung Ibbenbüren, sowie Friedrich Lampe, ehrenamtlicher Geflüchtetenbetreuer.

IBBENBÜREN - „Die Geflüchteten und wir – Fakten, Ängste, Hoffnungen, Perspektiven“ lautete das Thema, mit dem sich das 12. Männerfrühstück der Männerarbeit im evangelischen Kirchenkreis Tecklenburg am letzten März-Samstag auseinandersetzte. Mehr als 70 Gäste aus dem gesamten Kirchenkreis waren gekommen, um sich im Gemeindezentrum „blick.punkt“ in gemütlicher Runde über die immer noch brandaktuelle Thematik auszutauschen.

Als Referenten waren Andrea Seidel, Fachdienstleiterin Recht und Ordnung Ibbenbüren, sowie Friedrich Lampe, ehrenamtlicher Geflüchtetenbetreuer, eingeladen worden. Andrea Seidel, die sich in jeder Hinsicht sehr engagiert zeigte, richtete ihren Blick zunächst in die Vergangenheit der städtischen Flüchtlingsarbeit, die bis Ende 2015 von einer starken Zunahme der Flüchtlingszahlen geprägt war. Zum Ende des vergangenen Jahres sei die städtische Beteiligung an den Notunterkünften ausgelaufen; die Betreuung liege nun ganz in den Händen des Landes NRW. Derzeit gebe es dort Platz für maximal 550 Personen, davon bis zu 60 Prozent für rückführungspflichtige, also nicht anerkannte Flüchtlinge. Aufgrund der beengten Unterbringung und der nicht fristgerechten Ausreise (eigentlich sollen die Bewohner maximal 55 Tage in der Unterkunft verbleiben) habe es vereinzelte Eskalationen vor Ort gegeben, berichtete Seidel.

Zusätzlich zu den Flüchtlingen in den nunmehr landeseigenen Notunterkünften leben in Ibbenbüren auch kommunal zugewiesenen Flüchtlinge, also jene, die das behördliche Verfahren bis hin zum Stellen ihres Asylantrags durchlaufen haben. Hier gab es die letzte Zuweisung im Dezember 2015 und, so Andrea Seidel: „Wir werden so schnell wahrscheinlich keine kommunalen Zuweisungen bekommen.“ Rund 450 Menschen leben zurzeit in den 33 städtischen Unterkünften; sie werden unter anderem von zahlreichen ehrenamtlichen Helfern (hier seien stellvertretend die beiden „Cafés International“ der Kirchen und private Deutschkursleiter genannt) sowie vier Sozialarbeitern betreut. „Wir erwarten noch ungefähr 90 anerkannte Flüchtlinge aus den Ballungszentren“, beschreibt Andrea Seidel die Zukunft. Dazu kämen voraussichtlich 100 weitere Personen durch Familiennachzug.

Extra für das Männerfrühstück machte sich die Fachdienstleiterin bei der Kriminalpolizei auch schlau über die Auswirkungen des Flüchtlingszuzugs auf die Kriminalstatistik, ein Punkt, der immer wieder Ängste in der Bevölkerung schürt: „Es gibt, wenn überhaupt, nur ganz niedrigschwellige Kriminalität“, beschreibt Andrea Seidel die Erkenntnisse der örtlichen Polizei. Auf die Gesamtzahl der Delikte in Relation zur Bevölkerung bezogen habe es dagegen keine signifikante Änderung gegeben. Die Zusammensetzung der Flüchtlinge spielt hierbei sicherlich auch eine Rolle: Alleinreisende Männer stellen keineswegs die Mehrzahl der Gruppe der Asylsuchenden. 268 Flüchtlinge kamen im Familienverband, 9 Flüchtlinge sind weibliche, 146 männliche Alleinreisende. Ein großes Problem stellt allerdings die Situation für Flüchtlinge nach Anerkennung ihres Asylantrags dar: Sie können prinzipiell eine eigene Wohnung beziehen, finden aber – ebenso wie auch viele einkommensschwache deutsche Bürger – keinen kleinen, bezahlbaren Wohnraum.

Ganz aus der Sicht der betroffenen Flüchtlinge beschrieb Friedrich Lampe die Situation: Er habe „im Laufe der vergangenen 14 Monate circa 25, vorwiegend syrische, Männer“ kennengelernt. Ein Drittel von ihnen sei mittlerweile in andere Städte umgezogen. Als pensionierter Lehrer gehört Lampe zu jenen Ehrenamtlichen, die sich mit großem Einsatz dem Deutschunterricht für die Geflüchteten widmen. Das aber dauere seine Zeit, und die Rahmenbedingungen seien für die Flüchtlinge auch nicht unbedingt lernunterstützend: Keine Rückzugsmöglichkeiten in eine ruhige Umgebung und die Sorge um zurückgebliebene Familienangehörige wurden da genannt.

Insgesamt zeigte sich die große Resonanz des Themas nicht nur in der beachtlichen Zahl an Veranstaltungsbesuchern – von denen viele selbst in der Flüchtlingsarbeit aktiv sind; einige weitere sind selbst Flüchtlinge und konnten aus eigener Erfahrung berichten -, sondern auch an zahlreichen interessierten Zwischenfragen. Erkenntnis aus den beiden Referaten sowie den Erfahrungen der Anwesenden: Es gibt nach wie vor viele Probleme, angefangen von der Unterbringung und den Behördengängen bis hin zur Wohnungssuche und den Sprachkursen, aber auch viele engagierte Helfer, aber kein einheitliches Verfahren. Denn, so Andrea Seidel: „Es gibt nicht DEN Flüchtling.“

Am Samstag, 28. Oktober, wird es das nächste „Männerfrühstück“ im „blick.punkt“ geben. Dann geht es um die Auseinandersetzung mit Martin Luther. Zu Gast sein wird der frühere Superintendent des Kirchenkreises Tecklenburg, Hans-Werner Schneider.

Text und Foto: Claudia Ludewig