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Dienstag 28. März 2017 | Alter: 56 Tage

Selbstreflexion ist Voraussetzung für Entscheidungsfreiheit

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Dr. Christoph Methfessel referierte im Martin-Luther-Haus in Lengerich und regte das Publikum zu einer angeregten Diskussion an.

Lengerich. „Die Frage, ob der Mensch einen freien Willen hat oder nicht wird schon seit mehreren tausend Jahren heftig diskutiert“. Oft, so der Biophysiker Dr. Christoph Methfessel (Ruhr-Universität Bochum) im Rahmen der Theologischen Vortragsreihe, komme es einem selbstverständlich vor, dass wir selbst die Entscheidungen treffen und damit über unser eigenes Handeln bestimmen. „Es gibt jedoch keine Möglichkeit, empirisch festzustellen, ob wir allgemein einen freien Willen haben oder nicht“ führte er aus. Auch könne man in keinem Einzelfall definitiv feststellen, ob eine bestimmte Entscheidung frei war, oder nicht. Dies, so der Referent weiter, sei eine Frage der Überzeugung oder des Glaubens. Ob man einen freien Willen habe oder nicht, müsse jeder für sich selbst entscheiden, so Methfessel weiter. Prominente Neurobiologen wie Wolf Singer, Gerhard Roth und andere behaupteten klar: Einen „freien Willen“ der Menschen könne es nicht geben, denn alles was unsere Gehirne leisteten beruhe ausschließlich auf deterministisch festgelegten, neurobiologischen Vorgängen. Auch wenn wir uns einbilden, das wir und frei und verantwortlich entscheiden, sei dies bestenfalls eine Illusion ohne Wahrheitsgehalt.

Als Mitglied der Gesellschaft habe jeder/jede Verantwortung für das, was er/sie rede und tue, denn man habe auch die Freiheit, etwas anderes zu tun, so Methfesel. Die Philosophen hätten immer wieder darüber diskutiert, was der Anspruch bedeute, frei zu sein. Die freie Entscheidung sei immer eingegrenzt von den Rahmenbedingungen wie meiner sozialen Stellung, meinen Bedürfnissen und den Gebrechen unter denen ich eventuell leide. “Dass eigentlich wichtige ist“, so der Experte, „dass ich nicht nur tun kann, was ich will, sondern dass ich auch selber festlege, was es eigentlich ist, was ich will“. Dies wäre die eigentliche Willensfreiheit.

Menschliches Gehirn zeichnet sich durch Abstraktionsfähigkeit aus

Der menschliche Körper verfügt über 80 Milliarden Nervenzellen und etwa 1000 Milliarden Synapsen (Verbindungen), die Impulse an die Nervenzellen übertragen. Unser Gehirn hat mehr Ähnlichkeit mit einem Ökosystem als mit einem Computer. Neuronale Vernetzungen bilden sich wie in einem Wald oder auf einer Wiese aus kleinen Samen alle Pflanzen hervorgehen, aus. In einem starken Konkurrenzkamp wachsen die Zellen oder sterben ab. Komplizierte Gehirne reagieren nicht nur auf Reize, sondern konstruieren ein Modell der Wirklichkeit, das ständig erweitert und verbessert wird. „Das menschliche Gehirn unterscheidet sich vom Gehirn eines Tiers durch die Abstraktionsfähigkeit“ führte Christoph Methfessel aus. Diese ermöglicht eine übergreifende mentale Kultur, die wieder völlig neue und unerwartete Strukturen hervorbringt, wie Mathematik, Logik und Wissenschaft. „Die scheint mir ein wesentlicher Unterschied zu sein – obwohl wir natürlich nicht wissen, was Delfine oder Elefanten so denken, wenn sie gerade Zeit haben!“ bemerkte der Referent schmunzelnd.

Überzeugung, einen freien Willen zu haben, lässt Menschen fairer miteinander umgehen

Es gibt Nervenzellen, die von wenigen koordinierenden Hirnzentren ausgehend, das gesamte Gehirn miteinander vernetzen. Sie sorgen dafür dass sich für unser subjektives Erleben ein einheitliches, geschlossenes Ganzes ergibt. Im Stirnlappen des Gehirns (frontaler Kortex) befindet sich der am weitesten entwickelte Teil des Gehirns. Hier finden die abstrakten Überlegungen statt: Das bedeutet, alles was man in Gedanken durchspielt oder einübt, wirkt sich immer sofort und unmittelbar auf die Emotionen aus, wird immer direkt auch emotional bewertet „Ganz spannend“, so Methfessel, „wird es, wenn ich über mich selbst reflektiere. Dieser entscheidende Schritt ist eine Voraussetzung für wirklich freie Entscheidungen“. Die Überzeugung, einen freien Willen und Verantwortung zu haben, lasse Menschen ethischer und fairer miteinander umgehen. Es sei in der Praxis nicht unbedingt entscheidend, ob wir einen freien Willen haben oder nicht. „Es ist aber sehr wichtig, dass wir daran glauben, einen freien Willen zu haben, weil das für uns selbst und die Gesellschaft viele Vorteile mit sich bringt“ machte der Biophysiker deutlich.

Die uns bekannte Welt besteht keineswegs aus einem Guss, sondern gliedert sich in mehrere Ebenen oder Bereiche, die durch Beziehung oder Abhängigkeit miteinander verbunden sind, aber nach eigenen Gesetzen arbeiten. Jede dieser Welten genügt eigenen Regeln auf der physikalischen, der biologischen und der mentalen Ebene. Diese verschiedenen Aspekte sind bei jedem Menschen unterschiedlich stark ausgebildet. „Als ein gelungenes menschliches Leben könnte man bezeichnen, dass man auf allen vier Ebenen erfolgreich ist und alles zusammen sozusagen in ein Gesamtkunstwerk integriert. Das Gehirn entwickelt sich mit der Welt, die es vorfindet. „Deshalb“, stellte Christoph Methfessel klar, „ist es wichtig, dass Kinder besonders in den ersten Lebensjahren eine gute, liebevolle, fürsorgliche Umgebung vorfinden. So kann sich ihr Gehirn optimal entwickeln“.

Ich kann Weichen stellen, die mein Verhalten kontrollieren

Durch Erfahrungen bilden sich Überzeugungen, also relativ stabile Denk- und Verhaltensmuster, die mein Verhalten im Einzelfall zwar stark prägen, aber ich kann aktiv mitwirken. Ich kann selbst entscheiden, welche Überzeugung ich mir zu Eigen mache. Dies vollzieht sich im Rahmen der Bedingungen, die mir gesetzt sind. Das heißt: Ich kann selbst die Weichen stellen, die mein späteres Verhalten kontrollieren werden. Das Lutherzitat „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ zeige, dass der Reformator sich unter Gefahr für Leib und Leben gegen die Erwartungen der Obrigkeit stellte. Dies sei eine mutige Haltung, sozusagen ein politischer Akt gewesen. „Seine Persönlichkeit ist die Konsequenz aus unendlich vielen Handlungen und Entscheidungen, die Luther im Lauf seines Lebens zu dem gemacht haben, der er ist“ bilanziert Methfessel.