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Dienstag 02. Mai 2017 | Alter: 110 Tage

Zeitzeugen berichten über die Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl

Kategorie: alle Nachrichten


Die Zeitzeugen Juri Vatzkel und Valentina Daschkewitz (Mitte) berichteten über ihre Erlebnisse, unterstützt von den Dolmetscherinnen Nadja Lichtner (links) und Nadja Raisch (rechts). Stehend:Schulseelsorger Christoph Moormann (Bistum Münster). Foto: Claudia Ludewig

IBBENBÜREN – Der 26. April 1986 war ein Tag, der für die heutige Ukraine, das heutige Weißrussland, aber auch die Länder des übrigen Europa für lange Zeit unvergessen bleiben wird: Damals explodierte Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl – nach einem missglückten Sicherheitstest. Was zu jener Zeit genau passierte, ist mittlerweile für jüngere Menschen nur noch Geschichte; durchaus interessant, aber nicht mehr mit den eigenen Erfahrungen verknüpft. Um aber dennoch die Ereignisse lebendig zu halten, fand auch in diesem Jahr wieder eine „Europäische Aktionswoche für eine Zukunft nach Tschernobyl und Fukushima“ statt, die zwei Zeitzeugen aus den betroffenen Gebieten zu einer Vortragsreihe nach Ibbenbüren brachte.

Unermüdlich erzählten Juri Vatzkel und Valentina Daschkowitz während der letzten Aprilwoche wieder und wieder ihre Geschichte; allein acht Schulen in Ibbenbüren und Recke standen auf ihrem Besuchsprogramm. Angeboten wurde die Aktion vom Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk, der Initiative „Den Kindern von Tschernobyl“ Ibbenbüren sowie der Jugend- und Schulseelsorge Ibbenbüren; gefördert wurde die Aktionswoche aber auch von der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW).

Es sei ein warmer, sonniger Tag gewesen, der 26. April 1986, erzählt Valentina Daschkowitz, die zu jener Zeit mit ihrer Familie in einem Dorf etwa 30 Kilometer von Tschernobyl entfernt lebte. Als es dann regnete, hätten die Kinder begeistert in den Pfützen gespielt – nicht ahnend, dass sie sich damit hochgradig radioaktiv kontaminierten. Erst am dritten Tag wurde die Bevölkerung über die Geschehnisse informiert; viel zu spät wurde Jod ausgegeben. Auch Verhaltensregeln, wie beispielsweise kein Brunnenwasser zu trinken, wurden erteilt; sie ließen sich jedoch in dem schwach besiedelten und mangelhaft erschlossenen Gebiet nicht umsetzen.

Erste krankhafte Veränderungen stellte Valentina Daschkowitz, die zu jener Zeit als Mathelehrerin arbeitete, an einer Gruppe von Kindern fest, die auf ihrer Evakuierungsfahrt in der Schule haltmachten; ähnlich apathisches Verhalten war kurze Zeit später auch an den Dorfkindern zu beobachten. Kopfschmerzen, plötzliches Nasenbluten und Ohnmachten häuften sich, doch erst am zehnten Tag nach der Katastrophe wurden die Kinder – die über dreijährigen ohne die Eltern – evakuiert. Die meisten Kinder kamen jedoch nach etwa einem halben Jahr wieder zurück, da die Sommerlager, in denen sie untergekommen waren, nicht für einen Winteraufenthalt geeignet waren. Zwar wurden die Kinder jährlich für einige Wochen in Sommerlager oder Kurkliniken geschickt, doch erst nach fünf Jahren hatte die damalige Sowjetunion ausreichend Wohnungen gebaut, damit die Familien die Gefahrenzone verlassen konnten.

Auch Valentina Daschkowitz zog daraufhin mit ihrer Familie nach Minsk in Weißrussland (wo sie heute noch lebt), allerdings hatte sie zuvor für ihre Kinder (zum Zeitpunkt des Unglücks sieben und zweieinhalb Jahre alt und sehr stark unter gesundheitlichen Folgen leidend) auf privatem Wege Klinikaufenthalte organisiert, so dass insbesondere der Sohn sich kaum noch zu Hause aufhielt. Zwar leiden sowohl Daschkowitz‘ Sohn als auch ihre Tochter unter den Spätfolgen der Reaktorkatastrophe, doch haben beide mittlerweile ihre eigenen Familien gegründet. Während die Kinder durchaus eine gewisse Betreuung durch den Staat erfuhren, blieb das Leid der Erwachsenen unbeachtet. Weg konnten sie nicht, sie hatten im Arbeits- und Privatleben zu „funktionieren“, und erst wenn sie – zumeist deutlich später als die Kinder – krank wurden, kümmerte man sich um sie.

Ebenfalls zu „funktionieren“ hatte Juri Vatzkel aus Kiew (Ukraine). Der Ingenieur war Reservist bei einer Zivilschutzeinheit und wurde Ende Mai 1986 zum Einsatz in Tschernobyl zwecks Aufräumarbeiten abkommandiert. Als einer von hunderttausenden „Liquidatoren“ wurde er etwa anderthalb Monate im Katastrophengebiet eingesetzt – in mangelhafter Schutzkleidung und obwohl er zwischendurch krank wurde. Im Januar des darauffolgenden Jahres kam er in ein Krankenhaus; seitdem gehören vielfältige Erkrankungen sowie drei Krankenhausaufenthalte pro Jahr zu seinem Leben.

Sehr interessiert verfolgten die Schüler der verschiedenen Jahrgangsstufen die Erzählungen der beiden Zeitzeugen. Am Kepler-Gymnasium Ibbenbüren beispielsweise gab es viele vertiefende Nachfragen, die von den beiden Gästen geduldig und ausführlich beantwortet wurden.

Bericht: Claudia Ludewig