Aktuelles aus dem Kirchenkreis

Mittwoch 10. Mai 2017 | Alter: 192 Tage

Jehovas Zeugen waren Thema beim Ev. Sozialseminar

Kategorie: alle Nachrichten


„Nicht über andere, sondern miteinander reden“, lautet die Devise von Dr. Rudolf Holtkamp (l.) vom Sozialseminar Lienen, der Wolfgang Meißner von den Zeugen Jehovas als Referenten begrüßte.

KATTENVENNE. Jeder kennt sie, viele sind genervt, wenn sie an Haustüren klingeln und mit den Menschen über Gott, Jesus, die Bibel oder das Jüngste Gericht sprechen möchten. Oft stehen Zeugen Jehovas vor verschlossenen Türen, und selbst wenn jemand öffnet, dann häufig nur, um dankend abzuwinken. Von ihrem Glauben können sie bei ihren Hausbesuchen nur selten erzählen.

 

„Nicht über andere reden, sondern sie einladen und mit ihnen ins Gespräch kommen“, hatte sich das Sozialseminar Lienen auf die Fahne geschrieben und im Rahmen seiner Veranstaltungsreihe „Besuche bei Verwandten und Nachbarn – Andere Glaubensgemeinschaften (besser) kennenlernen“ in der letzten Aprilwoche Wolfgang Meißner zu Gast. Er ist Ältester in der Lengericher Gemeinde der christlichen Religionsgemeinschaft, die sich selber als „Jehovas Zeugen“ bezeichnet, und gab Einblick in die Organisation mit ihren weltweit

über acht Millionen aktiven Mitgliedern.

 

Es war ein Abend in kleiner Runde, lediglich ein Dutzend Frauen und Männer verfolgte im Kattenvenner Gemeindehaus Meißners Ausführungen sowie Filme und Videos, die die Glaubensgemeinschaft auch auf ihrer Website eingestellt hat.

„Wir wollen zeigen, was die Bibel sagt und welche Hoffnungen damit verbunden sind“, erklärt Meißner den Ansatz von Jehovas Zeugen, die sich bemühen, jeden Tag in der Bibel zu lesen, und das Gebet als persönliche Ansprache an Gott verstehen.

 

„Gott wollte nicht, dass man es immer Wort für Wort redet, es sollte nur ein Muster sein“, sagt er im Hinblick auf das „Vater unser“. Jehovas Zeugen beten anders, macht Meißner deutlich. Das Gebet werde nicht auswendig gelernt und auch nicht aufgeschrieben, der Vorbeter bete nach seinem Gefühl. „Wer übereinstimmt, sagt am Ende des Gebets „Amen“, wer nicht, sagt nichts“, berichtet er von dem Geschehen im Königreichssaal, dem Gotteshaus der Zeugen Jehovas.

 

Auch vom „Wachturm, der mit einer Auflage von 61 Millionen in 300 Sprachen meistverbreiteten Zeitung der Welt“, sprach Meißner und freute sich, dass die Glaubensgemeinschaft keine Kirchenbeiträge erhebe, sondern sich durch freiwillige Spenden finanziere. „Das wäre für jedes Unternehmen eine Bankrotterklärung, bei uns funktioniert das“, versichert er. Allerdings bekomme keiner der Gläubigen das dicke Geld, „auch die Oberen ziehen von Tür zu Tür“, gibt er zu bedenken 150000 Euro an Spenden seien für den neuen König-reichssaal gesammelt worden, den die Lengericher Gemeinde gemeinsam mit den Ibbenbürenern bauen lasse. Den selbstgebauten Saal in Lengerich-Hohne werde die Gemeinschaft deshalb im Herbst wohl verlassen.

 

Jehovas Zeugen verfahren weltweit nach dem gleichen Prozedere. „Wenn ich in Urlaub fahre, weiß ich, was da passiert, das ist schön“, betont Meißner, wie wichtig es ihm persönlich ist zu wissen, was ihn erwarte. Die Besucher im Kattenvenner Gemeindehaus verfolgten den Vortrag konzentriert, ein Gast lobte, Meißner habe das sehr angenehm gemacht.Im anschließenden Gespräch konfrontierten sie den „Ältesten“ der Lengericher Gemeinde mit den Gerüchten, die über „Jehovas Zeugen“ kursieren. Das geschah mal sehr besonnen und höflich, mal angriffslustig oder gar hämisch.

 

Nur wenig konnte Meißner aus der Welt schaffen. So redete er Tacheles über die Praxis einiger Glaubensgenossen, die sich bei ihren Besuchen bis ins Haus drängten. „Das gehört sich nicht, das sollte nicht sein“, sagte er kategorisch, räumte aber auch ein, dass es solche Fälle gegeben habe.

 

„Es muss nicht jeder Zeuge Jehovas sein“, antwortete er auf den Vorhalt, Jehovas Zeugen dürften weder Polizisten oder Soldaten werden noch rauchen oder Alkohol trinken. Auch die von der Glaubensgemeinschaft abgelehnten Bluttransfusionen waren Thema. „Wahrscheinlich sind mehr Menschen durch Transfusionen gestorben als gerettet wurden“, versuchte Meißner sich aus der Affäre zu ziehen. Er verwies auf Berichte, die bewiesen, dass es besser sei, auf

Blutübertragungen zu verzichten.

 

„Schläge entsprechen nicht dem biblischen Grundsatz“, bemühte sich Meißner, mit einem weiteren Vorurteil aufzuräumen. „Wir versuchen, einen hohen Standard zu halten“, ist der Älteste der Lengericher Gemeinde überzeugt. Wie sich das mit dem den Zeugen Jehovas nachgesagten Psychoterror gegenüber Ehemaligen und der Einschränkung des Kontakts von Abtrünnigen zu ihren Angehörigen vertrage, konnte er erklären. „Wer rausfliegt, wird kein gutes Haar an uns lassen“, ist er sicher und stellt klar, dass jeder als Bruder zurückkommen könne. „Er muss nicht zu Kreuze kriechen“, betonte Meißner.

 

Für die Besucher im Kattenvenner Gemeindehaus ist die Glaubensgemeinschaft „Jehovas Zeugen“ mit ihrer „fix und fertigen Lehre“ und der Stellung der Frau keine Option. Das wurde an dem Abend mehr als deutlich.

 

Text und Foto: Dietlind Ellerich