Aktuelles aus dem Kirchenkreis

Montag 15. Mai 2017 | Alter: 9 Tage

Alles bleibt anders

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Gespräch in Tischgruppen: Präses Annette Kurschus (rechts oben im Bild) im Gespräch mit Theologiestudierenden, Pfarrerinnen und Pfarrern.

Münster. „Die Gesellschaft wird immer beweglicher. Wir müssen uns als Kirche darauf einstellen und neue Formen der Zusammenarbeit entwickeln“, so Präses Annette Kurschus (Evangelische Kirche von Westfalen) zur Eröffnung eines gemeinsamen Pfarrkonvents mit 90 Pfarrerinnen und Pfarrern der drei ev. Kirchenkreise im Münsterland (Münster, Tecklenburg, Steinfurt-Coesfeld-Borken) im Bürgersaal in Münster-Kinderhaus. Gleichzeitig, so die Theologin weiter, bestehe der Wunsch nach Heimat, Kontinuität und Beziehung. Mit diesen Fragen müsse man sich auseinander setzen. „Wie können wir Veränderungen hoffnungsvoll gestalten?“ fragte sie. Der Beruf der Pfarrerin/des Pfarrers sei ein schwerer Beruf, der sich starken gesellschaftlichen Veränderungen stellen müsse, meinte sie. Superintendent Joachim Anicker (Kirchenkreis Steinfurt-Coesfeld-Borken) ermutigte die Theologinnen und Theologen dazu, trotz vieler Belastungen und Herausforderungen nicht im Klagen zu verharren.

 

„Moderne Gesellschaften sind unübersichtlich“ konstatierte Prof. Detlef Pollack, Reli-gionssoziologe an der Universität Münster. Der Wissenschaftler befasst sich schwer-punktmäßig mit dem religiösen Wandel in West- und Osteuropa und den USA und arbeitete an der Kirchenmitgliedschaftsstudie der EKD mit. Niemand sei in der Lage, beispielsweise technisch komplexe Systeme wie die der Deutschen Bahn zu durchschauen. Trotzdem vertrauten wir diesen Systemen, weil wir darauf angewiesen seien. „Seit den 60er und 70er Jahren ist ein Rückgang des Vertrauens zu verzeichnen“ stellte er fest. Beste Beispiele hierfür seien das Misstrauen der Bevölkerung gegenüber den Politikern und der Europäischen Union (EU). Auch bei Pfarrerinnen und Pfarrern sei Misstrauen gegenüber Werten der Zivilisation zu beobachten, so der Soziologe. Hier zeige sich eine Spannung zwischen dem Vertrauensbedarf, der in einem Staat notwendig sei, und dem Misstrauen.

 

Gesellschaft als Kommunikationsraum verstehen

 

Studien belegten, so Prof. Pollack, dass Anerkennung als Wert für die meisten Arbeitnehmer in Deutschland heute wichtiger sei als die Höhe des Einkommens. „Wenn das Auskommen gesichert ist, treten Fragen der sozialen Anerkennung und der Partizipation in den Vordergrund“ führt er aus. Dabei spielten die Balance zwischen Arbeit und Freizeit, Karriere, Erfolg und Wahrnehmung eine wichtige Rolle. „Jede Form des Autoritarismus wird zurückgewiesen“ berichtete er. Dies gehe damit einher, sich selbst Grenzen zu setzen, fair zu sein und zu sich zu stehen. „Dieses dialogische Miteinander ist auch in der Kirche angekommen“ stellte er fest. Sein Fazit: Die Gesellschaft müsse als Kommunikationsraum verstanden werden und nicht als Ausdruck von Strukturen.

 

Vage Glaubensvorstellungen beeinflussen die Erziehung

 

Die Forschung belege, dass in Deutschland eine rückläufige Kirchenmitgliedschaft und eine leichte Abnahme des Gottesglaubens zu verzeichnen sei, so Detlef Pollack weiter. Gehörten 1950 noch 44,3 % der ev. und kath. Kirche an, so waren es 2010 nur noch 36,5 %. Auch eine Verflüssigung des Glaubens sei zu beobachten. „Vage Glaubensvorstellungen beeinflussen die Erziehung der Kinder, die politische Orientierung aber auch die Freizeitgestaltung“, betonte er. Bemerkenswert sei, dass heute in Deutschland die Bedeutung von Religion statistisch relativ gering sei, es jedoch kaum eine antikirchliche Stimmung gebe, so der Soziologe. Das Bild des Christentums sei im Großen und Ganzen positiv belegt, es sei jedoch eine außerkirchliche Religiosität zu beobachten. „Die Menschen werden eher gleichgültig gegenüber der Kirche“ so der Wissenschaftler. Und: Je reicher eine Gesellschaft sei, desto höher tendiere sie dahin, den Glauben nicht zu akzeptieren. - Der Kabarettist und Pfarrer Martin Funda aus Hattingen nahm humorig den Alltag eines Theologenkollegen aufs Korn, der unter Prokrastination, neudeutsch „Aufschieberietis“ leidet. Philosophisch stellte er in seinem Song fest: “Das alles und noch viel mehr könnt ich machen, wenn ich Pfarrer in Deutschland wär!“ Er machte eine Problemanzeige:“ Heute ist im Münsterland keine Pfarrer/keine Pfarrerin zu sprechen. Es wäre schlimm, wenn das nicht auffallen würde!“

 

Beteiligung ist das Zauberwort

 

„Ich versuche, die verschiedenen Gruppen der Gemeinde zusammenzuhalten. Ich schaffe es aber auf Dauer nicht“, beklagte ein Pfarrer in einer sich anschließenden Arbeitsgruppe. „Der Pfarrer als Schlüsselperson. Muss dies denn unser Anspruch sein?“ fragte ein anderer. Beteiligung sei das Zauberwort. Es sei wichtig, andere einzubinden. „Der Anspruch an uns selber darf uns nicht frustrieren“, meinte er. Ich biete viele zielgruppenorientierte Gottesdienste an, berichtete ein Anderer. Seine Beobachtung: Zur Konfirmation kommen nur die Eltern der Konfirmanden. Wie erleben wir uns als Gesamtgemeinde, wo ist das Dach?“ fragte er. Bei der Frage, was ein Gottesdienst leisten solle, waren sich die Beteiligten der Arbeitsgruppe einig: „Wir möchten musikalisch, atmosphärisch und inhaltlich berührt werden“ so das Votum. Neue Formen der Mediennutzung wie beispielsweise einen Adventskalender per Whats App zu versenden, fanden die beteiligten Theologiestudierenden zwar auch interessant. Sie meinten jedoch:“ Viele junge Leute suchen eher die direkte Kommunikation im Kontrast zu sozialen Netzwerken“.

 

Perspektive kirchengemeindlicher Arbeit

 

In einer weiteren Arbeitsgruppe, in der es um die Perspektive von Kirchengemeinden ging, äußerten die Pfarrerinnen und Pfarrer aus ländlichen aber auch städtischen Bereichen ihre Sorge, dass wenn mehrere kleine Gemeinden zu großen evangelischen Regionen zusammen gefasst würden, der Pfarrer/die Pfarrerin in der Kirche kaum präsent sein könne. Eine Theologin fragte:“ Wie kann ein bedarfsorientierte Lösung aussehen? Heißt dass, dass wir perspektivisch nur noch Schwerpunktangebote umsetzen können?“ Die Mitglieder des Arbeitskreises betonten, dass an die Stelle einer Lücke etwas anderes treten müsse. Gaben und Funktionen sollten dann neu aufgeteilt werden. Deutliche Kritik wurde zum Neuen Kirchlichen Finanzmanagement (NKF) geäußert. Der Kirchenkreis Münster ist Pilotkirchenkreis für dieses System: Mit der Einführung des Neuen Kirchlichen Finanzmanagements wird im Laufe der kommenden Jahre das gesamte Haushalts- und Finanzwesens auf allen Ebenen der Evangelischen Kirche von Westfalen umgestellt, von der Kameralistik hin zur „Doppik“ (doppelten Buchführung). „Mit diesem System verordnet uns die Landeskirche, Gemeindehäuser zu schließen, in denen lebendiges Gemeindeleben stattfindet“ kritisierte ein Pfarrer. Dies sei eine Politik per Verwaltungsordnung, die an den Synoden vorbeiginge. Dieses Vorgehen könne man nicht akzeptieren.

 

Wie soll die Gemeindearbeit der Zukunft aussehen?

 

Ein Pfarrer berichtete davon, dass man im ländlichen Raum für Gottesdienste in drei Gemeinden ein gemeinsames Gottesdienstprogramm entwickelt habe. Diese Form habe ich bewährt. Eine Kollegin informierte über viele neue Impulse, die derzeit in ihrer kleinen Landgemeinde wachsen. Diese neuen Ansätze wie die Arbeit mit Flüchtlingen dürfe man nicht durch Regionalkonzepte zerstören. „Die Menschen wollen eine Kirche vor Ort“, betonte eine Pfarrerin. Bei der Frage, ob die Gläubigen eine Kirche oder einen Raum für einen Gottesdienst brauchen waren sich die Mitglieder der Arbeitsgruppe einig: „Es braucht einen geprägten Raum, aber nicht zwingend eine Kirche“. Abschließend brachte ein Pfarrer die neuen Herausforderungen der Kirche auf den Punkt: „Wir müssen uns in Zukunft entscheiden. Was wollen wir?“

 

Die Ergebnisse aus neun Arbeitsgruppen fließen in eine Dokumentation ein, die der westfälischen Landessynode im November 2017 vorgestellt wird. Die Landeskirche hat mittlerweile sieben Veranstaltungen in dieser Form angeboten. Weitere vier werden bis zur Landessynode folgen.