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Montag 26. Juni 2017 | Alter: 151 Tage

Vortrag "Unser Luther? Die Bedeutung des Reformators in unserer Zeit"

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Pfarrerin Dr. Uta Wiggermann, KMD Christian Schauerte und der Referent Professor Dr. Albrecht Beutel aus Münster (v.l.) freuten sich über das große Interesse an dem Luther-Vortrag.

Ibbenbüren. Die evangelische Kirchengemeinde Ibbenbüren hatte am 21. Juni den bekannten Theologen und Lutherforscher Professor Dr. Albrecht Beutel aus Münster zu Gast. Vor über 60 Zuhörern hielt er im Gemeindehaus blick.punkt unter dem Titel "Unser Luther? Die Bedeutung des Reformators in unserer Zeit" einen ebenso sachlich fundierten wie unterhaltsamen Vortrag über die Wirkung Luthers in der Gegenwart. "Besonders wichtig ist dabei das Fragezeichen", betonte er. Luther werde historisiert, aber ein 500 Jahre zurückliegendes Ereignis führe unweigerlich zu Differenzen in der Auslegung.

 

Kirchenmusikdirektor Christian Schauerte hatte Bibel und Gesangbuch im Flügel versteckt, sodass seine musikalischen Improvisationen zu Beginn eine ungewöhnliche Klangfarbe annahmen. Pfarrerin Dr. Uta Wiggermann begrüßte die nunmehr heiter gestimmten Besucher und stellte den Referenten vor. "Wie könnte man den längsten Tag des Jahres schöner verbringen, als mit einem aufgeräumten Klavier, kühlen Getränken und einem hochspannenden Thema?", fragte sie rein rhetorisch, denn der Raum war vollbesetzt. Professor Beutel fasste zusammen, worauf wir uns im Jubiläumsjahr "500 Jahre Reformation" freuen dürfen: Symposien, Vorträge, eine Vielzahl seichter Buchprodukte sowie einen staatlichen Feiertag für alle Bürger. Ja, auch die Katholiken dürfen mitfeiern.

 

Der Theologe aus Münster hatte sein Referat in zwei Teile gegliedert und unterbreitete dem Publikum dazu jeweils drei interessante Thesen. So war zu erfahren, dass die Sicht auf Luther als Kirchengründer eine Verengung seiner Absichten darstelle. Es sei ihm nicht um Spaltung, sondern um Erneuerung der römisch-katholischen Kirche gegangen. Seine Lehre wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändert, jede Generation bis in unsere Tage wollte die Reformation vollenden. Als deutschtümelnder Nationalheld sei Luther ebenfalls ungeeignet, denn er habe immer nur religiös gedacht. Die Begriffe "Religion, Kultur, Lebenskunst" bildeten den Rahmen für die Bestimmung der Aktualität Luthers in der heutigen Zeit.

 

In Ibbenbüren war Luther nie und bei seinem Besuch 1512 in Köln habe er über die schlechte Akustik und falsche Reliquien im - damals noch nicht vollendeteten - Dom geschimpft. Außerdem wurde ihm saurer Wein kredenzt, "der ihm das Blut bis in die Fingerspitzen gefrieren ließ". In seine Ausführungen flocht der Referent immer wieder amüsante Anekdoten ein. Jedoch blieb, wie es Luther für die Kirche und seine Prediger verlangt hatte, in dem Vortrag stets die Ernsthaftigkeit erhalten. So etwa bei der Frage, ob Christen Gott lieben und fürchten sollten oder bei der Forderung Luthers nach einer Elementarbildung für alle Menschen.

 

Seine Mahnung, sich stets klar auszudrücken, lebte Luther mit großer Sprachgewalt selbst vor. Er befreite zudem die Menschen von der Fixierung auf die "letzte Stunde" und stellte die Einmaligkeit des Lebens und Freude am Diesseits in den Mittelpunkt. Die Einordnung Luthers als Freiheitskämpfer müsse im religiösen Sinne gesehen werden, denn er war niemals politisch, sondern immer an Gott gebunden. Daher ermutigte er die Menschen zu Selbstbewusstsein und bestärkte sie darin, "Ich glaube" zu sagen. "Wir müssen achtgeben, dass wir ihn richtig verstehen, forderte der Kirchenhistoriker. Ein Zitat am Schluss gab einen kurzen Blick auf Luthers deutliche Sprache. Mit dem Satz "Tritt frisch auf, mach's Maul auf, hör' bald auf" endete der erhellende Einblick in einen spannenden Aspekt der Lutherrezeption im Jubiläumsjahr 2017.

 

Von der Möglichkeit zum Gedankenaustausch bei kalten Getränken machten anschließend viele Besucher Gebrauch, denn Anregungen zur Diskussion hatte es an dem Abend reichlich gegeben. Auch Luthers Tiraden gegen die Juden wurden angesprochen. Professor Beutel und Dr. Uta Wiggermann haben in diesem Jahr das Buch "Luther - Reformatorische Hauptschriften des Jahres 1520" vorgelegt. "Es ist im Luther-Verlag erschienen und nicht nur für Theologen interessant", erläuterte die Autorin.

 

Text und Foto: Brigitte Striehn