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Freitag 30. Juni 2017 | Alter: 50 Tage

"Wenn wir uns für die Zukunftsfähigkeit unseres sozialen Miteinanders einsetzen, sind Bündnisse gefragt"

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Freuten sich über das rege Interesse an dem Vortrag (v.l.n.r.:) Superintendent André Ost, Sozialdezernent Tilmann Fuchs, Maria Loheide (Vorstand Sozialpolitik Diakonie Deutschland), Pfarrer Jürgen Nass und Stefan Zimmermann (beide Vorstand des Diakonischen Werks im Kirchenkreis Tecklenburg).

Tecklenburg. „Wenn wir uns für die Zukunftsfähigkeit unseres sozialen Miteinanders einsetzen, sind Bündnisse gefragt“ so Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland. Im Rahmen der Festwoche anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Diakonischen Werks im Kirchenkreis Tecklenburg referierte sie beim Abend der Diakonie auf Haus Marck. „Ein Diakonisches Werk braucht Partner in der Politik, Verwaltung, bei anderen Verbänden der freien Wohlfahrt und in der Zivilgesellschaft“, führte sie aus. „Auf dem Weg sein“ ist das eine, „gemeinsam auf dem Weg zu sein ist das Bessere“ unterstrich sie. Es gehe um eine nachhaltige, generationengerechte und sozial gerechte Gestaltung unseres Gemeinwesens. Für zukünftige Handlungsspielräume der diakonischen Arbeit und die Durchsetzungsfähigkeit der Diakonie sei es wichtig, dass sie Partner an ihrer Seite weiß, so Loheide weiter.

 

Politische und ökonomische Entwicklung

In einem Überblick über politische und ökonomische Entwicklungen in den letzten 50 Jahren verdeutlichte die Referentin, dass die Diakonie den Wandel mitgestaltet und mitgeprägt hat.

 

Tiefgreifender Wandel

„Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre befand sich die Bundesrepublik in einem tiefgreifenden Wandel. „Den Wandel gestalten, das heißt doch im Prinzip „Politik machen“ oder – wie es Wolfgang Huber für die EKD formuliert habe „Politik möglich machen“. Politik und Diakonie hätten in gewisser Weise etwas gemeinsam, so Loheide weiter: Beide sind überzeugt davon, dass wir den Wandlungen des Sozialen nicht einfach nur zuschauen müssen, sondern dass es Gestaltungsmöglichkeiten gebe. „Aus meiner Sicht gibt es zu diesem Gestaltungswillen keine Alternative“, betonte sie. „Es ist unsere Aufgabe, sowohl in unserer Arbeit in den diakonischen Diensten und Einrichtungen als auch in unserem sozialanwaltschaftlichem Engagement kräftig zur Tat zu schreiten“.

 

Wandel des Sozialstaats

Auch der Sozialstaat sei einem starken Wandel unterlegen gewesen. Die frühen 1960er und 1970er Jahre waren durch eine beispiellose Ausweitung sozialer Arbeit geprägt. Es bildeten sich gesetzliche Grundlagen für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen öffentlicher und privater Fürsorge heraus. Regelungen zur Kostenerstattung wie das Bundessozialhilfegesetz und das Jugendwohlfahrtsgesetz sowie der Vorrang der freien vor den öffentlichen Trägern in vielen Arbeitsfeldern ermöglichten ein quantitatives und qualitatives Wachstum der Freien Wohlfahrtspflege. „Offene und halboffene Einrichtungsarten und Hilfeformen nahmen zu, geschlossene Heime wurden kritisch gesehen, Kindertagestätten, Altenclubs und Altentagesstätten wurden ausgebaut. Neue Angebote wie beispielsweise Hilfen für Menschen mit psychischer Behinderung oder für Drogenabhängige kamen hinzu.

 

Gravierender Paradigmenwechsel in den 90er Jahren

„Ein gravierender Paradigmenwechsel, der die freie Wohlfahrtspflege enorm forderte, fand in den 90er Jahren statt“ so die Referentin. Er steht im Zusammenhang mit dem Ende des Ost-West-Konflikts, der europäischen Integration und der Dominanz neoliberaler Ideen. „Einen Einschnitt stellt die Einführung der Pflegeversicherung 1995 dar, mit der wettbewerbspolitische Vorstellungen in die Organisation des Sozialstaats einziehen. Das heißt: Die Wohlfahrtsverbände fanden sich in einem Preis-Leistungs-Wettbewerb mit privatgewerblichen Anbietern wieder“ so die Expertin. Eine weitere wichtige Zäsur stellte die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention 1992 dar. Die UN fordert Inklusion, also die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben. „Die Frage, wie unser Sozialstaat, die Sozialgesetzgebung und letztlich die Nachbarschaften vor Ort gestaltet sein müssen, damit sie Inklusion ermöglichen, wird uns noch einige Zeit beschäftigen“, betonte Maria Loheide.

 

Deutliche Professionalisierung diakonischer Arbeit

„Die starke Expansion, Modernisierung und Neuausrichtung der diakonischen Arbeit ging mit einer deutlichen Professionalisierung und damit auch mit einer Enttraditionalisierung evangelischer Einrichtungen einher“, berichtete sie. Neue psychologische, soziologische und pädagogische Erkenntnisse flossen in die Arbeit ein. Die verfasste evangelische Kirche und die Diakonie entwickelten sich

unabhängiger voneinander. Auseinandersetzungen darüber, ob die fachlich qualifizierte Arbeit das Entscheidende sei oder ein geistliches Profil notwendig zu einer diakonischen Tätigkeit dazu gehöre waren die Folge. „Wenn ich mir heute diesen gesellschaftlichen, politischen und kirchlich-diakonischen Kontext der Gründung des Diakonischen Werks im Kirchenkreis Tecklenburg in Erinnerung rufe, so empfinde ich größten Respekt vor dem mutigen Schritt, den so eine Vereinsgründung bedeutet“, so Loheide weiter. Die Gründer hätten den Grundstein dafür gelegt, dass das Diakonische Werk nun seit fünf Jahrzehnten erfolgreich für ein solidarisches und gerechtes Gemeinwesen in Tecklenburg eintrete und mit immer neuen Ideen und unter sich verändernden Bedingungen das soziale Miteinander mitgestaltet.

 

Herausforderungen

„Die Diakonie ist durch den gesellschaftlichen Wandel in unterschiedlichen Themenfeldern herausgefordert: Wir sind mit einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft konfrontiert, die Armut nimmt zu“ unterstrich die Referentin. „Wir müssen uns mit den Folgen des demografischen Wandels auseinandersetzen, Familienstrukturen verändern sich“. Bei der Gestaltung der Integration dürfe nicht zugelassen werden, dass Flüchtlinge und Menschen, die auf Hilfe und Begleitung angewiesen sind, gegeneinander ausgespielt werden. „Gegen Rassismus, gegen fremdenfeindliche Hetze und Gewalt haben wir klar Position zu beziehen und das tun wir“ machte die Diakonie-Expertin deutlich. Die Armutssituation in Deutschland sei erdrückend. Der aktuelle Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung bestätige dies. Wir brauchen dringend zielgerichtete Konzepte, um Kindern und Jugendlichen zu helfen“ so ihr Plädoyer an die Politik. „Ein Schlüssel zur Armutsprävention ist eine aktive Arbeitsmarktpolitik“. Die Diakonie Deutschland setze sich für öffentlich geförderte, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ein und hofft, dass die nächste Bundesregierung ein entsprechendes Programm auf den Weg bringt.

 

Wir brauchen mehr Menschen in Pflegeberufen

„Wir brauchen mehr Menschen in den Pflegeberufen. Außerdem müssen wir uns über die Chancen des Alters und einer älter werdenden Gesellschaft bewusst werden. Auch ohne direkte materielle Armut verfügen viele Heranwachsende nicht über genügend Entwicklungs- und Gestaltungsmöglichkeiten“ machte sie deutlich. Fehlende Bildung programmiere zukünftige „Armutskarrieren“ und Potenziale junger Menschen lägen brach. „Wir wollen in diesem Sozialstaat aber nicht nur Dienstleister des Staats sein, sondern den Sozialstaat, das Gemeinwesen in unserem eigenen Auftrag , im Auftrag des Evangeliums, verantwortlich mitgestalten“ appellierte sie an die Zuhörenden.