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Dienstag 11. Juli 2017 | Alter: 75 Tage

Klimaschutz und Nachhaltigkeit vor der eigenen Haustür

Kategorie: alle Nachrichten


Die Teilnehmer der Radtour starteten am neuen Gemeindehaus der Johannesgemeinde zu ihrer Tour.

Rheine. Klimawandel stoppen, für einen gerechteren Welthandel eintreten, bewusst und nachhaltig konsumieren – die großen Themen, mit denen sich Menschen guten Willens im Zeitalter der Globalisierung konfrontiert sehen, spielten am vergangenen Wochenende nicht nur beim G20-Gipfel in Hamburg eine Rolle; im Rahmen der NRW-Klimatage hatte das Umweltteam der evangelischen Johannesgemeinde am Samstag zu einer Radtour zum Thema Nachhaltigkeit und Klimaschutz eingeladen. Im Verlauf der sechsstündigen Tour durch die Emsstadt konnten die Teilnehmer ausgewählte Projekte kennenlernen und dabei erfahren, wie sich Menschen aus unterschiedlichen Bereichen dort engagiert und vielfältig für nachhaltiges Handeln einsetzen.

Heinz-Jakob Thyßen, Umweltkoordinator der Johannesgemeinde und Organisator der Tour, begrüßte die Teilnehmer am Morgen im neuen Gemeindehaus an der Sternstraße. Die Johannesgemeinde nimmt bereits seit 2008 am innerkirchlichen Umwelt-Managementsystem „Der grüne Hahn“ (www.kirchliches-umweltmanagement.de) teil und unternimmt viele Anstrengungen, ressourcenschonender und umweltorientiert zu wirtschaften. Auch bei der Planung des 2015 eröffneten neuen Gemeindehauses flossen viele Ideen des Umweltteams mit ein. Ein hoher Energiesparstandard und die Auswahl von Baumaterialien, bei deren Produktion Kinderarbeit ausgeschlossen werden konnte, gehören zu den Besonderheiten des Neubaus. Neben Fragen des Klima- und Umweltschutzes sind dem Umweltteam auch faire Handelsbeziehungen und nachhaltiger Konsum wichtig. Seit vielen Jahren schon unterstützt die Gemeinde deshalb die Idee des Fairen Handels und betreibt einen eigenen Verkaufsstand im neuen Gemeindehaus an der Johanneskirche.

Die Idee, Erzeugern in Afrika, Asien und Lateinamerika durch faire Vergütung anständige Lebens- und Arbeitsbedingungen zu sichern, zieht in Rheine inzwischen weite Kreise. Seit 2012 darf sich die Stadt offiziell „Fairtrade-Stadt“ nennen. Der Titel ist Kommunen vorbehalten, die sich besonders für die Verbreitung der Fairtrade-Philosophie engagieren. Das Herz des Fairen Handels in Rheine schlägt im Weltladen an der Hansaallee 17 (www.weltladen-rheine.de), der zweiten Station der Nachhaltigkeits-Radtour. Fairer Handel sei ein gutes Beispiel dafür, dass man auch mit kleinen Maßnahmen seinen Beitrag für mehr Gerechtigkeit leisten könne, sagte Michael Remke-Smeenk, Vorsitzender des Weltladen-Trägervereins: „Wer fair kauft, kann schon mit der ersten Tasse Kaffee am Morgen etwas Gutes tun.“ Klimaschutz und Fairtrade gehen dabei meist Hand in Hand, wie Remke-Smeenk erläuterte: So erhielten die Erzeuger Zulagen, wenn sie ihre Waren nach Bio-Standard produzieren; zudem werde großer Wert auf die Erhaltung der Naturräume gelegt. Vor sechs Jahren zog der Weltladen vom TaT an die Hansaallee ins ehemalige Möbelhaus Klos, wo man sich die Räume mit dem Architekten Ralf Klos teilt und gemeinsam als „Fair-Solar-Aktiv-Haus“ auftritt. Der Umzug habe dem Laden gut getan, obschon der Umsatz seit Eröffnung der Ems-Galerie etwas rückläufig sei, sagte Remke-Smeenk: „Müller hat dort ja zum Beispiel auch Fairtrade-Produkte im Angebot.“ Warum sich der Weg in den Weltladen trotzdem lohnt? „Wir haben hier Produkte von 500 Anbietern“, so Remke-Smeenk. Zudem leiste der Weltladen umfangreiche Bildungsarbeit zum Beispiel in Schulen und werde durch starkes ehrenamtliches Engagement getragen. Interessierte, die ehrenamtlich stundenweise im Verkauf mithelfen möchten, können sich gerne im Laden melden.

Wie dringlich der Einsatz für mehr Gerechtigkeit in Sachen Klimaschutz und Konsum ist, führte Beate Steffens von der Aktion Humane Welt e.V. (www.aktion-humane-welt.de) den Teilnehmern der Tour im Salinenpark Bentlage sehr anschaulich auf einer Weltkarte vor Augen, die das Missverhältnis von Bevölkerungsanteil, Einkommen und CO2-Ausstoß zwischen den Kontinenten offenbarte. Im Ranking der größten Klimasünder nimmt Deutschland demnach einen traurigen fünften Platz ein – nach Australien, den USA, Südkorea und Russland. Steffens möchte vor allem Jugendlichen die Augen dafür öffnen, dass sie durch ihr Konsumverhalten Einfluss nehmen und die Welt „mit dem Einkaufskorb gerechter gestalten können“. Um dieses Ziel zu erreichen, organisiert sie zum Beispiel Projekttage für Schulen oder konsumkritische Stadtrundgänge. Im Rahmen der „Fairen Woche“ hat am 21. September jeder Interessierte Gelegenheit, sich bei einem solchen Rundgang anzuschließen. Startpunkt ist um 15 Uhr am Weltladen in Rheine.

Ums ökologische Bauen und Renovieren ging es an der nächsten Station der Fahrt, dem TaT Transferzentrum für angepasste Technologien (www.tat-zentrum.de). Sebastian Cornelius führte die Gäste über das Gelände des Zentrums, das seit seiner Gründung vor 25 Jahren ein Gründerzentrum für ökologisch orientierte Start-Ups und eine Ideenschmiede rund ums umweltverträgliche Bauen und Wohnen ist. Anhand von Bauten der ersten Stunde wie der Naturstoff-Werkstatt oder dem Dreh-Solar-Haus des Rheiner Architekten Theddo Terhorst verdeutlichte Cornelius, wie innovativ das Thema schon zur Gründerzeit des Zentrums angegangen wurde. Mit dem Klimamobil betreibt das TaT zudem Bildungsarbeit, um die Themen Erneuerbare Energien und Umweltschutz in Schulen bekannter zu machen.

Als Experte für ökologisches Bauen und Sanieren brach Diplom-Ingenieur Ralf Klos (www.ralfklos.de) im Anschluss eine Lanze für die Altbausanierung unter Verwendung von Naturbaustoffen. Wer auf Lehmputz oder natürliche Dämmstoffe setze, tue nicht nur etwas für die Umwelt, sondern auch für ein gutes Raumklima und somit die eigene Gesundheit, so Klos. In äußerster Konsequenz zeige sich dieses Vorgehen im Bauen und Sanieren nach dem sogenannten „Cradle to Cradle“-Prinzip (www.c2c-ev.de ), so Klos. Ziel dieser noch jungen gemeinnützigen Organisation sei es, alle Produkte nach ihrer Verwendung in den biologischen oder technischen Kreislauf zurückzuführen.

Wie sich auch die Energiewende aktiv mitgestalten lässt, erführen die Radler zum Abschluss ihrer Tour in Altenrheine, wo derzeit bekanntlich ein Bürgerwindpark mit fünf Windkrafträdern entsteht (www.buergerwind-altenrheine.de). Die Initiatoren verfolgen mit viel Engagement und Eigeninitiative das Ziel, einen „echten und ehrlichen“ Bürgerwindpark zu realisieren. Was das bedeutet, erläuterte Frank Niemer als Mitglied des sechsköpfigen Steuerungskreises vor Ort: Der Interessensausgleich zwischen Anwohnern, Landwirten und Kapitalgebern sei den Initiatoren ebenso wichtig wie die Akzeptanz in der Bevölkerung und Transparenz bei der Realisierung, sagte Niemer. Ab 1000 Euro Einlage sollen sich Bürger als Kapitalgeber am Projekt beteiligen und somit von den Erträgen der Windkrafträder mitprofitieren können. Dabei gilt: Je näher man an der Anlage wohnt, desto größer ist die Chance, mitzumachen. Interessenten können sich bereits jetzt unverbindlich vormerken lassen. „Anfang 2018 bringen wir dann das Prospekt mit Wirtschaftlichkeitsberechnung und Renditeerwartung heraus“, so Niemer. Dann werde man sehen, wie groß die Nachfrage aus der Bürgerschaft ist: „Wir rechnen damit, dass wir zwischen 200 und 500 Gesellschafter haben werden.“

 

Text und Foto: Kay Müller