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Donnerstag 28. September 2017 | Alter: 19 Tage

Deutsche Flüchtlingspolitik auf dem Prüfstand - Mojtaba und Masoud Sadinam aus dem Iran erzählen ihre Geschichte

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Masoud und Mojtaba Sadinam (v.l.) lasen in der Christuskirche Ibbenbüren aus ihrem Buch "Unerwünscht".

Am 21. September waren Mojtaba und Masoud Sadinam in der Christuskirche Ibbenbüren zu Gast. Sie mussten 1996 ihr Heimatland Iran verlassen und flohen mit der Mutter nach Deutschland. Den Eltern drohten als Regimekritikern in der Heimat Verhaftung und Schlimmeres. Die Mutter gelangte mit den Zwillingsbrüdern Mojtaba und Masoud, damals elf Jahre alt, und ihrem jüngeren Bruder Milad zunächst nach Hannover. Doch ihr Asylantrag wurde trotz der politischen Gründe für ihre Flucht abgelehnt. Sie waren mehrfach von Abschiebung bedroht. Obwohl sie große Anstrengungen beim Spracherwerb, in Schule, Ausbildung und Studium unternahmen, waren sie viele Jahre in Deutschland nur geduldet.

"Ich habe meine Jugend in Gemeinschaftsunterkünften, Asylbewerberheimen und Baracken verbracht", erzählt Masoud Sadinam in dem Buch "Unerwünscht", das die drei Brüder über ihre Zeit in Deutschland geschrieben haben. Es ist als Taschenbuch im Piper-Verlag erschienen. Wie sie sich fühlten, drückt bereits der Titel aus. Beim Lesen wird deutlich, welche Strapazen sie auf sich nahmen, bis die Familie nach 16 Jahren endlich die Einbürgerungsurkunde in den Händen hielt. Eine Änderung des Zuwanderungsgesetzes hatte es möglich gemacht. Die sich wiederholenden Anhörungen bei den Ausländerbehörden und Termine vor Gericht hatten an den Nerven gezerrt, die Mutter unternahm einen Selbstmordversuch. Das passiere bei Flüchtlingen immer wieder, erklärte Mojtaba Sadinam. Sie wurde gerettet und lebt heute in Ibbenbüren.

Zur Zeit schreiben die Studenten an der Universität Frankfurt ihre Abschlussarbeiten. Mit ihrem Bruder Milad, der Wirtschaftsinformatik studiert hat, gründeten sie eine IT-Firma. "Wir wollen keine "Vorzeigeemigranten" sein, denn der Weg war unglaublich hart", machen sie deutlich. Die "Alternative für Deutschland", die heute mit fremdenfeindlichen Parolen durch das Land zieht, gab es damals übrigens noch gar nicht, so Mojtaba Sadinam. Und aktuell hätten andere Parteien den "Türkei-Deal" oder weitere Methoden zu verantworten, die Flüchtlingen den Weg nach Europa notfalls mit Gewalt versperren sollen.

Von Schicksalen namenloser Geflüchteter ist oft zu lesen und zu hören, ebenso wie Argumente für oder gegen deren Aufnahme in Deutschland. Etwas anderes ist es, wenn zwei junge Männer, heute 32 Jahre alt, von ihren persönlichen Erfahrungen berichten. Die etwa 70 Zuhörer in der Christuskirche waren davon sehr beeindruckt. "Wir wollen deutlich machen, dass "aufenthaltsbeendende Maßnahmen" die Zerstörung von Hoffnungen und oft sogar von Menschenleben bedeuten", erklärte Masoud Sadinam. Von den Sachbearbeitern in den Behörden und Gerichten wünschten sie sich mehr Empathie und Verständnis, ergänzte sein Bruder. In der Diskussion wurde auch die Entfremdung der Familien nach langer Trennung angesprochen. Der hinausgezögerte Nachzug von Müttern und Vätern führe zu großen Konflikten, wie die Kinder der Familie Sadinam selbst schmerzlich erleben mussten.

In ihrem Buch schreiben sie in einer ausgewogenen Balance zwischen sachlicher Berichterstattung und emotionaler Erzählweise abwechselnd von ihren Erlebnissen und Gefühlen. So können die Leser miterleben, was in Menschen wirklich vorgeht, wenn ihnen die Ablehnung des Asylantrages mitgeteilt wird. Das Buch ist ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit im Umgang miteinander und weniger Blicke in Gesetzblätter. "Wir haben Hoffnung auf Verbesserungen, deshalb gehen wir weiter an die Öffentlichkeit", betonte Mojtaba Sadinam.

 

Ingeborg Paul hatte die etwa 70 Gäste im Namen des Netzwerkes Asyl, der ökumenischen Initiative "Café International" und des evangelischen Kirchenkreises Tecklenburg zu der beeindruckenden Lesung begrüßt. Mahdi Bousheri begleitete den Abend musikalisch. Er kommt ebenfalls aus dem Iran und sang selbst komponierte Lieder, in denen er seinem christlichen Glauben Ausdruck verlieh. Pfarrer i. R. Reinhard Paul las die deutsche Übersetzung. Dorothee Schieferecke stimmte am Klavier in den Abend ein. Nachdem sich die Besucher am Büchertisch des Buchladens "Am Alten Posthof" das Buch gekauft hatten, signierten die Autoren gern einige Exemplare. Dabei kam es zu interessanten Begegnungen. Ludger Book war Deutschlehrer an der Hauptschule Lengerich und hatte die Brüder damals in der "Auffangklasse" unterrichtet. "Da saßen etwa 30 Schüler aus den Klassenstufen fünf bis zehn, es wäre eine individuellere Förderung erforderlich", hob er hervor. Der Weg seiner ehemaligen Schüler zu einem Einserabitur wundert ihn nicht. Er habe schon früh erkannt, dass sie mehr leisten konnten, so Ludger Book.

 

Text und Foto: Brigitte Striehn