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Mittwoch 08. November 2017 | Alter: 14 Tage

„Mit 14 Jahren, wo war ich da?“- Erzählcafé in Lienen

Kategorie: alle Nachrichten


Das Erzählcafé für die Ostvertriebenen mit Historikerin Dr. Vera Neumann (stehend ganz links im Bild) ist zu einem festen Termin in der Evangelischen Kirchengemeinde in Lienen geworden.

„Was du erlebt hast, ist so schrecklich, dass es dir niemand glauben wird“, sagte die Großmutter zu dem damaligen Schulkind Marianne. Schnell wird klar, dass aus dem „was du erlebt hast“, ein „was ihr erlebt habt“ werden kann. Denn auf die unterschiedlichsten Lebensgeschichten der Ostvertriebenen passt dieser Satz immer.

Im Kirchsaal der Evangelischen Kirchengemeinde Lienen haben sich gut ein Dutzend Männer und Frauen, eine Konfirmandin, Pastorin Susanne Nickel und die Historikerin Dr. Vera Neumann zum Erzählcafé versammelt. Es ist bereits das zwölfte Treffen, bei dem sich die Vertriebenen an ihre damaligen Flucht- und Kriegserfahrungen erinnern. Sie alle sind die Kinder und Jugendliche, die 1945 die Flucht und Vertreibung aus den Ostgebieten erlebt haben. Jedes Mal stellt die Historikerin eine andere Frage, damit das „Eis“ bricht und die Betroffenen ins Erzählen kommen. Dieses Mal: „Mit 14 Jahren, wo war ich da?“

Auf der Flucht, in der neuen Heimat, die gar nicht so recht die neue Heimat sein wollte. „Wir waren geflohen, wir hatten nichts mehr“, erinnert sich der heute gut 80-Jährige einstige Vertriebene. Mit dem vorletzten Zug raus, hatte die Mutter es geschafft, ihre Kinder, die Eltern oder Schwiegereltern aus dem Kampfgebiet in den Westen zu bringen.

Meist nach der Devise: „Rauskommen, einfach rauskommen“, erinnert sich Bernd-Walter Rausch. Immer da, wo der Zug keine Kohle mehr hatte, blieb er stehen. Manchmal gab es ein Brot und einen Salzhering für einen Waggon. Keiner der Mitreisenden wusste, wo es hingeht. Heute wissen sie, wo die Reise hinging.

„Ich habe mein Schlesien vermisst und dann in das kleine Nest Lienen, es war furchtbar berichtet Marlies D. Anders erging es Max Schindler in Mettingen: „Ich wurde sofort in Mettingen integriert, ich habe Plattdeutsch gelernt“. Mit seiner Ehefrau Anna heiratete Max Schindler eine gebürtige Reckerin, die mit den Vertriebenen aufgewachsen ist.

Dann wird es ganz leise im Kirchsaal. Die Hände der einstigen Ostvertriebenen liegen ganz still auf dem Tisch neben der Kaffeetasse und dem Kuchenteller. Dann bricht es förmlich aus ihr heraus. „Es gibt Engel und es gibt auch einen Gott, der uns beschützen kann“, motivierte meine Mutter uns immer wieder. „Wir hatten uns auf dem Strohboden versteckt. Schüsse und Stimmen waren zu hören, aber die Russen haben die Kuhstalltür nicht geöffnet. Vor lauter Angst haben wir die Kälte nicht gespürt. Es ist so furchtbar. Ich bin erstaunt, dass ich es erzählen kann“ so die Frau.

Seit November 2013 gibt es das Erzählcafé drei Mal im Jahr. Von Mal zu Mal wächst das Vertrauen, die Teilnehmer öffneten sich und die Kriegskinder brechen ihr Schweigen. Historikerin Dr. Vera Neumann bietet den vertriebenen Männern und Frauen die Möglichkeit, ihre Erfahrungs-, Kriegs- und Nachkriegsgeschichten zu Wort zu bringen. „Ich habe im Laufe der Jahre gemerkt, dass die soziale Gruppe der Flüchtlinge nicht in den Erzählungen der Einheimischen vorkommt“, sagt Neumann. Dabei haben die traumatisierten Geschichten ganze Menschengruppen geprägt. Frauen, Schwangere, Kinder und Alte waren unterwegs. Im Erzählcafé erzählen die Kinder von damals ihre unendlich langen und quälenden Geschichten. „Ich habe auf der Flucht nach Bayern meine Geschwister verloren und meinen Vater das letzte Mal gesehen. Erst im Jahr 1998 habe ich die Nachricht über den Tod meines Vaters bekommen. Damit war eine unendlich lange Zeit der Ungewissheit vorbei“, erinnert sich Joachim Hupka.

Selbst hat Dr. Neumann noch nie nach den Erfahrungen auf der Flucht gefragt. Wohl fragte die Historikerin immer wieder nach den Eltern der Ostvertriebenen.

„Die Geschichten sind so vielfältig, da bräuchte es für jeden zwei Stunden“, sagt Neumann. Dann stellt Pastorin Susanne Nickel den Erzählcaféteilnehmern die Frage: „Kann man von Kindheit und Jugend sprechen, wenn man all das erlebt hat“?

 

Text und Foto: Claudia Keller