Aktuelles aus dem Kirchenkreis

Montag 13. November 2017 | Alter: 28 Tage

Notfallseelsorge - wenn auf einmal alles anders ist.

Kategorie: alle Nachrichten


(Von links:) Astrid Dubjella, Brigitte Schiermeyer und Pfarrerin Verena Westermann gaben einen Einblick in ihre Arbeit für die Notfallseelsorge im Kreis Steinfurt.

Lienen-Kattenvenne. „Es fällt mir schwer, ohne dich zu leben, jeden Tag, zu jeder Zeit einfach alles zu geben“, passender, als mit dem Lied „Geboren um zu Leben“ des Grafen der Band Unheilig, hätte der Einstieg des Themenabends des Sozialseminars im Ev. Gemeindehaus in Kattenvenne nicht sein können. Am Freitagabend begrüßte Dr. Rudolf Holtkamp im Namen des Evangelischen Sozialseminars Lienen nahezu 40 Teilnehmer zur Veranstaltung: „Notfallseelsorge - Erste Hilfe für die Seele. Wenn auf einmal alles anders ist!“ in der Reihe „Sterben-Tod-Bestattung-Trauer“.

Passend gekleidet in ihren lilafarbenen Notfallseelsorgejacken gaben Astrid Dubjella, Brigitte Schiermeyer und Pfarrerin Verena Westermann einen Einblick in ihre ehrenamtliche Tätigkeit als Notfallseelsorgerin im Kreis Steinfurt. „Für die Betroffenen ist mit einem Mal alles anders und plötzlich ist jemand da, der Zeit hat“, so umschreibt Pfarrerin Verena Westermann ihre nun schon 17-jährige Tätigkeit. Für die Pastorin hat die Arbeit sicher etwas mit ihrem Beruf zu tun, aber sie versucht, den Betroffenen durch ihre Anwesenheit immer eine Möglichkeit der Zukunftsperspektive aufzuzeigen.

Notfallseelsorge im Kreis Steinfurt heißt, dass sich rund 30 Pfarrerinnen, Pfarrer, Priester und ehrenamtlich Mitarbeitende aus einem sehr breiten Berufsspektrum in einem 24-Stunden Notfallseelsorge-System um Menschen in akuten Notsituationen kümmern: unmittelbar, überkonfessionell und professionell. Nach der verherenden Katastrophe beim Flugtagunglück von Ramstein im Jahr 1988 wuchs aus einer anfänglich von Einzelpersonen getragenen Initiative eine seelsorgliche Institution. Heute ist die Notfallseelsorge in Deutschland ein gut organisiertes, flächendeckendes System. „Immer in ökumenischer Zusammenarbeit arbeiten die Notfallseelsorger nach einer qualifizierten Grundlagenausbildung und konsequenten Fortbildung zum Wohl der zu betreuenden Personen intensiv und vertrauensvoll zusammen“, so Astrid Dubjella. Durch die Notfallzentralen der Polizei und des Rettungsdienstes werden die Helfer in ihrer Rufbereitschaftszeit zum Einsatz gerufen. Das Einsatzfeld ist weit. Ob beim plötzlichen Todesfall wie nach einem Unfall, bei Suizid, bei Bränden, bei einem häuslichen Todesfall, wenn der Tod ohne vorherige Warnung eintritt und die Kripo eingeschaltet wird, sind wir zur Stelle“, berichtet Brigitte Schiermeyer. Bei Unfällen bieten die Seelsorger professionelle Begleitung und Betreuung für die Beteiligten, für Fahrer und Zeugen an. „Wir sind zuständig für akute Notfälle und wir bleiben, wenn die Polizei die Todesnachricht überbringt und geht“, erklärt Pfarrerin Westermann ihre Aufgaben, die sie wie alle Helfer unter dem Deckmantel der Schweigepflicht verfüllt. Daneben gibt es noch die Großschadenslagen. „Bei Unfällen, die zu groß sind, dass sie allein zu schaffen sind, ruft die Einsatzzentrale den Großalarm aus und alle Seelsorger kommen zusammen, wie im September beim Busunglück in Tecklenburg zur Feier „500 Jahre Reformation im Münsterland““, erinnert sich Astrid Dubjella. Zudem engagieren sich die Notfallseelsorger beim „Crash Kurs NRW“, dem Verkehrsunfallpräventionsprogramm für junge Erwachsene, bei dem die Polizei NRW, Feuerwehrleute, Rettungssanitäter, Notfallseelsorger, Angehörige und Opfer von ihren Erfahrungen und Erlebnissen bei Unfällen berichten, an denen junge Menschen beteiligt waren. Zu einem großen Problem hat sich die Verbreitung von Unfallbildern über die sozialen Netzwerke entwickelt. Die Polizei will sich bei der Überbringung der Todesnachricht zu 100 Prozent sicher sein, doch vorab schwirren oft schon Bilder vom Unfallort durch das Netz.

In der Ausbildung zum Notfallseelsorger, die vier bis fünf Wochenenden in einem halben Jahr umfasst, erlernen die Helfer in Rollenspielen ihr Rüstzeug. Dazu kommen Seminare und rund acht Treffen im Jahr. „Wichtig ist, dass, wenn ich Rufbereitschaft habe mein Auto voll getankt ist“, sagt Brigitte Schiermeyer. Rund 100 Mal pro Jahr rücken die Helfer mit ihrer Jacke und ihrer Tasche in der die rote Mappe mit allen wichtigen Ansprechpartnern, der personalisierte Ausweis, der Parkausweis, Segensworte, ein Gebet, Texte, Kuscheltiere für Kinder, Schreibutensilien, Bonbons, Taschenlampe, Einmalhandschuhe aus. Anschließend erstellen sie ein Protokoll, welches bei den Regionaltreffen oft als Gesprächsgrundlage zum Austausch dient. Es ist gut, wenn wir schnell da sind, aber wir sind nicht für die Lebensrettung da, sondern wir sind da als Mensch und wollen auffangen von Mensch zu Mensch, sind sich die drei Referentinnen einig. Der Einsatz der Seelsorger ist eine akute Hilfestellung und dauert so lange, bis das soziale Umfeld es Betroffenen aktiv ist. Die Helfer kommen auch nur einmal zum Einsatz. „Es ist die erste Hilfe für die Seele in der Akutsituation. Danach gehen die Betroffenen zum Hausarzt oder Therapeuten“, so die Pfarrerin.

 

Text und Foto: Claudia Keller