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Freitag 01. Dezember 2017 | Alter: 10 Tage

„Spiegel online gewürzt mit bild.de“ reicht nicht zur Meinungsbildung

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Dr. Florian Hartleb referierte in Westerkappeln.

WESTERKAPPELN. Als „Trumpetisierung“ bezeichnet Dr. Florian Hartleb den Vormarsch der Demagogen in Europa. Nicht nur vom Namen des aktuellen US-Präsidenten leitet der Politikexperte und Autor den Begriff ab. Er zieht auch eine Parallele zum Alten Testament. Der Einsturz der Mauern von Jericho solle durch den Klang von Trompeten und Posaunen erfolgt sein, erinnert Hartleb an das Buch Josua. Diese Instrumente seien „lärmend und triumphierend“, wie die Rechtspopulisten, die seit Jahren nicht nur in Europa Stimmung machen, sondern mittlerweile auch in deutschen Parlamenten sitzen. Ende November war Hartleb auf Einladung der Evangelischen Erwachsenen-bildung im Kirchenkreis Tecklenburg und der Evangelischen Kirchengemeinde Westerkappeln im Dietrich-Bonhoeffer-Haus zu Gast, analysierte die vielfältigen Ursachen für die rechtspopulistischen Tendenzen und diskutierte mit rund 60 Besuchern über Folgen und Auswege.

Hartleb verteufelt den Populismus nicht pauschal. Zwar sei es schlecht, dem Volk nach dem Mund zu reden und dem Druck der Straße nachzugeben, aber immerhin würden die Probleme der kleinen Leute angesprochen, gibt er zu bedenken. Er ist überzeugt, dass die Flüchtlingskrise im Herbst 2015 sowie in der Folge die Angst vor Terror dem Populismus in Deutschland den Boden bereitet hat.

Ob im „Wir gegen die-da-oben“ oder im „Wir gegen die-da-draußen“, Populisten sprächen immer eine einfache Sprache, gäben kurze, oft humorvolle Statements, machten sich zu eigen, was sie für „Volkes Stimme“ halten. Da gehe es nicht um Zahlen und Fakten, sondern um Befindlichkeiten und Gefühle, macht der Politikwissenschaftler deutlich. Ihre Wähler hätten wenig Interesse an Fakten, lebten nicht in Metropolen, seien anfällig für Verschwörungstheorien, überwiegend Männer, die Wut auf „die-da-oben“ und kein Vertrauen in die traditionellen Medien hätten.

Hartleb nimmt in dem Zusammenhang die Politik in die Pflicht. Mit seinem Publikum ist er sich einig, dass eine gewisse Sprachlosigkeit sowie das Fehlen eines christlichen Wertefundaments den Trend verschärft. Nette Worte und Sonntagsreden reichen nicht mehr, „wenn Politiker nicht reagieren, wird man unzufrieden“, lautet der Tenor des Abends.

Bedenklich finden Referent, Gastgeber und Gäste, dass keine Sitzung geheim bleibe, Nachrichten via Twitter aus Sondierungsgesprächen die Runde machten, alles inszeniert und öffentlich sei, viele keinen Unterschied mehr zwischen News in den sozialen Medien und sorgfältig recherchierten Nachrichten sähen. „Spiegel online gewürzt mit bild.de“ reiche nicht, betont Hartleb, fragt aber auch, ob die Menschen bereit seien, für gute Informationen zu zahlen. Wer abonniere noch eine Tageszeitung, wenn so vieles kostenlos sei, beschreibt er das Dilemma.

Der Lobbyismus in Brüssel sei ebenfalls ein Riesenproblem, schlägt Hartleb den Bogen zur EU. Er tue sich schwer, für die EU zu sein, weil es sich um ein Modell von Lobbyisten handele, räumt er weiter ein. Dabei ist Hartleb selbst das beste Beispiel für die Vorzüge der Staatengemeinschaft und die Möglichkeit, tausende Kilometer en passant zu bewältigen, war er doch frühmorgens von der estnischen Hauptstadt Tallinn nach Düsseldorf geflogen, um abends in Westerkappeln zu sein.

In „dieses Verbindende“ setzt er seine Hoffnung. „Aussitzen, verteufeln, annähern, tolerieren lassen, koalieren, das alles gibt es in der EU“, zählt der Referent Strategien auf, wie man das Problem angehen könne. Den Königsweg gibt es nicht“, stellt er indes unmissverständlich klar. Er wünscht sich klare Antworten. „Politik muss erklären, aber auch nachhaltig sein“, macht Hartleb deutlich. So dürfe die Bewältigung des ersten Flüchtlingsansturms keine einmalige Aktion sein, sondern müsse als Prozess betrachtet werden. Dies treffe auch auf Themen wie die Energiewende oder die Digitalisierung zu. „Das meine ich mit Nachhaltigkeit“, bekräftigt Hartleb am Ende eines spannenden und kontroversen Abends.

 

Text und Foto: Dietlind Ellerich