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Montag 29. Januar 2018 | Alter: 21 Tage

Die vielen Gesichter des Islam - Vortrag über Religion und Lebensalltag von Muslimen

Kategorie: alle Nachrichten


Helma Bayer vom Netzwerk Asyl (li.) und Pfarrerin Adelheid Zühlsdorf-Maeder (Erwachsenenbildung des Evangelischen Kirchenkreises Tecklenburg) (re.) hatten die Ethnologin Sandra de Vries zu dem Vortrag „Die vielen Gesichter des Islam - Religion und Lebensalltag von Muslimen“ eingeladen.

Ibbenbüren. Auf Einladung des Evangelischen Kirchenkreises Tecklenburg erfuhren am 25. Januar über dreißig Zuhörer in Ibbenbüren von der Ethnologin Sandra de Vries interessante Fakten über den Islam im Allgemeinen und das Alltagsleben von Muslimen im Besonderen. Die Evangelische Erwachsenenbildung hatte gemeinsam mit dem Netzwerk Asyl der evangelischen Christusgemeinde und der katholischen Gemeinde St. Ludwig Ibbenbüren die Auftaktveranstaltung der „Fortbildungsreihe für Menschen, die sich in der Arbeit mit Geflüchteten engagieren und weitere Interessierte“ organisiert. In das „Café International“ waren auch engagierte Helfer gekommen, um mehr über eine Religion zu erfahren, der ihre Schützlinge angehören.

Pfarrerin Adelheid Zühlsdorf-Maeder von der Evangelischen Erwachsenenbildung und Helma Bayer vom Netzwerk Asyl begrüßten die Zuhörer. „Ich bin keine Islamwissenschaftlerin, sondern Völkerkundlerin mit dem Schwerpunkt islamische Gesellschaften weltweit“, erklärte Sandra de Vries. Dennoch begann sie zum besseren Verständnis mit einer Einführung in die Grundlagen einer Religion, die den meisten Europäern fremd erscheint. Die Menschen haben heute überwiegend düstere Bilder vom Islam im Kopf: Al Qaida, Pegida, Boko Haram. Es sei schade, dass diese Sichtweise die Schönheit der Mystik, Musik und Kunst überlagere, stellte die Referentin fest.

Einblicke in die Historie zeigten, dass der Islam keine einheitliche Religion ist. Entstanden ist er durch den Propheten Mohammed aus Mekka. Seine Flucht nach Medina im Jahr 622 nach Christus begründete die islamische Zeitrechnung. Den Islam in seiner Vielfalt erklärte die Referentin mit der Entstehung der Sunniten und Schiiten und weiterer Splittergruppen, die sich nach dem Tod Mohammeds bildeten. Weltweit gehören 85 bis 90 Prozent der Muslime der sunnitischen Glaubensrichtung an, darunter die Salafisten. Sie vertreten eine erzkonservative, dogmatische Lehre, die den Koran sehr streng auslegt. Für Aleviten hingegen steht der Mensch im Mittelpunkt und sie beten nicht in Moscheen. Es gebe also nicht „den“ Islam“, betonte Sandra de Vries.

Für die Zuhörer war es besonders interessant, etwas über den Alltag von Muslimen zu erfahren. Deren Lebensphilosophie lautet „Alles liegt in Gottes Hand“, deshalb enden Gespräche oft mit den Worten „Inschallah - So Gott will“. „Die Religion prägt den Alltag, obwohl nicht alle Muslime gläubig sind“, sagte die Ethnologin. Doch die meisten orientieren sich an den fünf Säulen des Islam: Glaubensbekenntnis, fünf tägliche Gebete, Almosensteuer, Ramadan und Pilgerreise nach Mekka. Der Koran ist ein bindendes Glied, er wird aber unterschiedlich interpretiert. In der Familienstruktur herrscht eine „Wir“-Gesellschaft vor. Idealvorstellung sind mehrere Generationen unter einem Dach, die sich gegenseitig beistehen. Familie ist einfach alles: Weitergabe von Wissen, Status und Ehre, Vorsorge im Alter, finanzielle Absicherung und spiritueller Beistand. Deshalb sei der Familiennachzug für die Geflüchteten von so großer Bedeutung, hob Pfarrer Reiner Ströver, Synodalbeauftragter für Flüchtlingsarbeit im Kirchenkreis Tecklenburg, hervor.

Zum Rollenbild von Mann und Frau machte die Beauftragte für interkulturelle Kompetenz wissenswerte Ausführungen. Möglichst viele Kinder sind lebensnotwendig. Darauf basieren die Erlaubnis, bis zu vier Frauen zu heiraten und die Tabuisierung von Homosexualität. Söhne werden zum "Pascha" erzogen und auf ihre Rolle als „Aushängeschild“ der Familie vorbereitet. Daraus resultiert ihr dominantes Auftreten in der Öffentlichkeit. Sie müssen die Ehre der Frau bewahren, die deshalb nicht ohne Anstandsbegleitung ausgehen darf. Frauen sind das Herz der Familie. Kinder gehören stets dem Mann, deshalb lassen sich Frauen sehr selten freiwillig scheiden.

In der Diskussion wurde eben dieses Rollenverständnis thematisiert, denn es stößt in unserer Gesellschaft auf Befremden. Das Kopftuch in verschiedenen Formen sei auf jeden Fall ein religiöses Symbol, unterstrich die Referentin. Es bedeute Demut vor Gott. Die Angst der Deutschen vor dem Verlust kultureller Identität sei unbegründet, so Sandra de Vries. In Deutschland leben ungefähr vier Millionen Muslime. Die meisten von ihnen stammen aus der Türkei, vorherrschend ist die sunnitische Richtung. Adelheid Zühlsdorf-Maeder dankte der Referentin für den unterhaltsamen und hochspannenden Vortrag. Sie wies zudem auf die nächsten Veranstaltungen in der Weiterbildungsreihe hin. Am 13. März wird sich Dr. Christian Röther im Elsa-Brandström-Haus Laggenbeck mit dem Islambild von AfD, Pegida & Co. auseinandersetzen.

 

Text und Foto: Brigitte Striehn