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Dienstag 30. Januar 2018 | Alter: 20 Tage

Sein Wort will helle strahlen - Bewegender Abend in der Friedenskirche erinnert an das Leben von Jochen und Hanni Klepper

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Musikalisch wurde der Abend von Ulrike Lausberg (links an der Orgel) und Esther Sophia Kantor (Sopran und böhmische Harfe) gestaltet.

Wersen-Büren. „Und wenn diese meine Haut zerschlagen sein wird, so werde ich ohne mein Fleisch Gott schauen“. Dieses Hiobwort war nur eins von vielen bewegenden Worten, die im Mittelpunkt des musikalisch-literarischen Abends standen, zu dem die Ev. Kirchengemeinde Wersen-Büren am 27. Januar in die Friedenskirche eingeladen hatte. Der Abend stand im Zeichen des Andenkens an die Lebensgeschichte von Jochen, Hanni und Renate Klepper: „Am 27. Januar 1945 ist das zentrale Vernichtungslager Ausschwitz von Soldaten der Roten Armee befreit worden“, so Pfarrer Jörg Oberbeckmann in seiner beeindruckenden Lesung. Gemeinsam mit der Organistin Ulrike Lausberg entwickelte er das Konzept zu diesem Abend.

Als die Rote Armee das Lager erreichte, war es weitgehend evakuiert. Nur noch 7600 Menschen fanden die Soldaten lebend. Doch in den Depots fanden sie Kinder-, Männer- und Frauenkleidung, die von millionenfachem Mord zeugte. „Wir wollen der Opfer des Wahnsinns gedenken, der in Europa Wirklichkeit wurde“, so Jörg Oberbeckmann. „Die Idee des Menschlichen wurde in zwölf Jahren nationalsozialistischer Gewaltherrschaft aller positiven Beiklänge beraubt: menschlich wurde nun das an Brutalität und Tabubruch, wozu kein Tier fähig ist“.

Johanna Klepper geborene Gerstel stammt aus einem wohlhabenden, säkularisierten jüdischen Elternhaus. Nach dem Tod ihres ersten Mannes, Felix Stein, mit dem sie zwei Töchter hat, lernt sie den Theologiestudenten und Schriftsteller Jochen Klepper kennen. Die Töchter Brigitte und Renate sind zu diesem Zeitpunkt sieben und neun Jahr alt. Klepper selbst ist Pfarrerssohn und kommt aus Beuthen an der Oder. Hanni und Jochen Klepper heiraten 1931.

Weil er mit einer Jüdin verheiratet ist, wird er zunächst aus allen Dienstverhältnissen entlassen und vom Schriftstellerbund ausgeschlossen. Alle Versuche, Deutschland zu verlassen und das Leben der der jüdischen Frau und Kinder zu retten, schlagen fehl. Jochen Klepper war ein frommer Mann, der in den Zeiten des geistigen und politischen Wahnsinns in Deutschland immer tiefer in die Bibel eindrang und aus ihren Worten Kraft und Trost zog. Als Dichter wurde ihm die Bibel zur Inspiration für zahlreiche Kirchenlieder, die heute im Evangelischen Gesang-buch stehen. Ein Beispiel ist das Lied:“ Die Nacht ist vorgedrungen…“ Dieses Lied kann auch politisch, zeitdiagnostisch interpretiert werden: Die geistige, intellektuelle, moralische Lage Deutschlands hat sich verfinstert. Menschen, die getauft sind, beteiligen sich an der Hetze gegen die Juden, Synagogen werden geschändet. Das Volk der Dichter und Denker wird zu einem Volk von Mördern und Zerstörern.

Die ältere Tochter der Kleppers, Brigitte, emigriert 1939 nach England. Jochen Klepper wird 1940 zur Wehrmacht eingezogen, am 8. Oktober 1941 ist er wieder zurück bei Frau und Kind. Wegen seiner Ehe mit einer Jüdin hatte man ihn als „wehruntüchtig“ entlassen. Er schreibt in sein Tagebuch:“ Nun alle große Arbeit nicht mehr entstehen kann, werde ich wohl auch kein Gedicht, kein Kirchenlied mehr schreiben können. Es geht von innen und von außen nicht mehr, obwohl die Liebe zu Gott sich nicht wandelt. Aber im Vertrauen und im Gehorsam und in der Hoffnung ist ein Bruch“. Klepper versucht das Unmögliche: In eindringlichen Gesprächen mit Reichsinnenminister Frick und Adolf Eichmann, dem Leiter des Reichssicherheitshauptamtes, bittet er um eine Ausreisegenehmigung für seine Familie. Als diese Lösung abgelehnt wird, sieht er keinen Ausweg mehr: In einem letzten Telefonat mit seiner Schwester am 9. Dezember 1942 sagt er: “Heute Nacht werden wir im Paradiese sein“. In der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember vergast sich die Familie in ihrem Haus in Berlin-Nikolaisee.

Musikalisch setzten Ulrike Lausberg (Orgel) und Esther Sophia Kantor (Sopran und böhmische Harfe) an diesem Abend sensible und nachdenkliche Akzente. So wurde die Lebensgeschichte der Kleppers im Schrecken der Zeit plastisch. Neben Kirchenliedern Kleppers und einem jiddischen Lied interpretierten sie Werke zeitgenössischer Komponisten, aber auch von Mendelssohn Bartholdy wie „Hebe meine Augen auf zu den Bergen“ aus dem „Elias“. Feinfüh-lig gestalteten die Musikerinnen gemeinsam mit Jörg Oberbeckmann eine Gesamtkomposition, die sich stimmig in die puristisch eingerichtete Kirche einfügte. In seiner Lesung zitierte Oberbeckmann den ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog: “Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen“.