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Donnerstag 24. März 2011 | Alter: 6 Jahr/e

Kirche als Schule der Toleranz - Schneider schließt Vortragsreihe ab

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Ibbenbüren - Die Kirche könne heute »eine Schule der Toleranz in der Gesellschaft sein«, stellte Superintendent Hans Werner Schneider in seinem Vortrag »Toleranz und Religion« am Donnerstagabend im evangelischen Gemeindezentrum blick.punkt in Ibbenbüren fest.



Hans Werner Schneider referierte in Ibbenbüren

Dass Toleranz und Religion in der Geschichte nicht immer ein harmonisches Paar waren, zeigte der leitende Theologe des Evangelischen Kirchenkreises Tecklenburg, indem er die Zuhörer auf eine Zeitreise durch die Geschichte der Toleranz in der Kirche mitnahm. Abgrenzung gegen den römischen Kaiserkult in der Antike und Profilierung gegenüber anderen Religionen prägten Phasen der Kirchengeschichte. Nicht selten ging es dabei auch um weltliche Machtansprüche. Ganz allmählich im Mittelalter und dann deutlich sichtbar in der Reformationszeit habe der Toleranzgedanke im Christentum Raum greifen können, so Schneider. Bis zur Erklärung der Menschenrechte war es danach noch ein weiter Weg. Heute wisse sich die Kirche zur Toleranz verpflichtet. Toleranz sei in der Gesellschaft niemals für alle Zeiten ohne Mühe etabliert, war der Referent überzeugt. Sie bleibe eine Aufgabe. Die Diktaturen des 20. Jahrhunderts hätten deutlich gezeigt, dass es in der Geschichte auch Rückfälle in die Intoleranz geben kann. Auftrag der Kirche sei heute das Eintreten für Toleranz in der Gesellschaft, so der Superintendent. »Wir bejahen den Pluralismus in der Gesellschaft als Chance und Herausforderung«, stellte Schneider fest.

Superintendent Schneider entfaltete in seinem Vortrag Überlegungen zu den Quellen der christlichen Toleranz. Toleranz sei im Menschenbild der Bibel begründet. Der Gott der Bibel sei als Schöpfer Ursprung aller Menschen. Das Kommen Jesu Christi in die Welt gelte nach biblischem Zeugnis ebenfalls allen Menschen. Die biblische Vorstellung vom Weltgericht mit Jesus Christus als Richter deutete der Superintendent eindrücklich: »Darum müssen wir Menschen nicht übereinander richten«. In Anlehnung an den Philosophen Odo Marquardt wandte sich Schneider damit gegen den Trend zur »Tribunalisierung der Lebenswirklichkeit«, wonach heutzutage jeder und alles unter ständigem Rechtfertigungsdruck stehe. Marquardt hatte dies als »Rückfall in den vormodernen Geist« bezeichnet.

Toleranz ist nach Auffassung Hans Werner Schneiders eine »hohe menschliche Kunst«. Sie vollziehe sich in der Alltagspraxis auf unterschiedliche Weise: Oft sei ein pragmatisches Vermeiden von Streit der Weg des toleranten Umgangs miteinander. Als Dauerstrategie führe dies allerdings zu Opportunismus, warnte Schneider. Ein anderer Weg der Toleranz sei das Feststellen gemeinsamer Überzeugungen und die Suche nach Schnittmengen und Kompromissen. Unter diesem Vorzeichen könne man leichter mit abweichenden Auffassungen umgehen. Eine dritte Möglichkeit zum Umgang mit Menschen anderer Meinungen sei die »dialogische Toleranz«. Voraussetzung hierfür sei die gegenseitige Achtung und der Gesprächswille trotz aller Meinungsverschiedenheiten.

Jenseits einer individuellen Toleranzschwelle lauere auf jeden die Intoleranz, erläuterte Hans Werner Schneider. Neben der Intoleranz nannte er die »Gleichgültigkeit« einen »Feind der Toleranz«. Die Verwechslung von Gleichgültigkeit mit Toleranz sei heute ein weit verbreitetes Phänomen. Im Gegensatz zur Toleranz sei die Gleichgültigkeit jedoch die Verweigerung jeglicher Auseinandersetzung mit anderen Menschen und ihren Vorstellungen. »Toleranz bedeutet nicht, dass alles gleich gültig ist«, so der Superintendent.

Trotz aller Offenheit sei die Toleranz nach Ansicht Hans Werner Schneiders nicht grenzenlos. Ihre Grenze sei in der Würde des Menschen gesetzt: »dort, wo das Denken und Handeln von Menschen das Leben und die Würde anderer gefährden und bedrohen«. Die Kirche müsse in ihrem Eintreten für Toleranz diese Grenze im Blick behalten und so als »verlässliche Anwältin für ein Leben der Menschen in Würde« der Gesellschaft dienen.

Systematisch fundiert und verständlich zugleich führte Superintendent Hans Werner Schneider durch die Geschichte der Toleranz des christlichen Glaubens und markierte bleibende Aufgaben für Gegenwart und Zukunft. Dabei wurde deutlich, dass »Toleranz und Religion« für Schneider nicht nur ein Referatsthema unter vielen ist, sondern dringendes Anliegen und persönliche Haltung. Gerade in der heute multireligiösen deutschen Gesellschaft müsse sich die Kirche dem Dialog mit anderen Religionen und Weltbildern vermehrt stellen, so Schneider. Gute Anfänge hierzu seien gemacht.

Der Ibbenbürener Vortrag von Superintendent Schneider bildete den Abschluss der diesjährigen Theologischen Vortragsreihe des Evangelischen Kirchenkreises Tecklenburg. An drei Abenden hatten sich die Referenten unterschiedlichen Aspekten des Themas »Christlicher Glaube in multireligiöser Gesellschaft« gestellt.      hopf