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Christliche Spiritualität und Mystik - Gotteserfahrungen und Alltag miteinander in Einklang zu bringen

„Wie bekomme ich die Glaubenserfahrung, nach der ich mich sehne“, lautete die Frage, die Pfarrerin Dagmar Spelsberg-Sühling den Besuchern des Sozialseminars Lienen im Rahmen eines Experiments beantwortete. Die Beauftragte für Spiritualität und Geistliches Leben im Kirchenkreis Steinfurt-Coesfeld-Borken ließ die Lienener Pastorin Susanne Nickel als „großes schwarzes Leid“ zwischen zwischen Gott alias Rudolf Holtkamp, Koordinator des Sozialseminars, und einer Teilnehmerin „auftreten“, die mit Schuld beladen, Gott nicht mehr sehen konnte.

Wie die Titelfigur des Buches Hiob  erlebten Darsteller und Besucher im Gemeindehaus, dass Gott die Menschen prägt, auch wenn er keine Antwort auf das "Warum" gibt.Die kurze Szene bildete den eindrucksvollen Abschluss eines spannenden Abends zum Thema „Christliche Spiritualität und Mystik“. Er war der Auftakt einer Veranstaltungsreihe, auf die sich Pastorin Nickel schon lange gefreut hatte. „Die Sehnsucht nach spirituellen Glaubenserfahrungen ist bei vielen da“, ist sie sich mit der Referentin Spelsberg-Sühling einig. Sich beim Sonnenuntergang am Strand eins mit der Natur zu fühlen oder am heimischen Herd mit einem schreienden Kind auf dem Arm einen Sonnenstrahl wahrzunehmen, kleine Erfahrungen wie diese, oder ein großes Erlebnis wie ein Nahtod mit hellem Licht seien solche ersten Erfahrungen mit Gott, ist die Fachfrau überzeugt. Versunken zu sein in die Betrachtung eines Schmetterlings oder eines  Wassertropfens sei für kleine Kinder völlig normal, werde aber leider oft als Spinnerei abgetan. „Die mystischen Traditionen sind uns leider ein wenig verloren gegangen“, bedauert sie.

Das sei nicht nur deshalb schade, weil die Fähigkeit, Erlebnisse hinter dem Vorhang des Bewusstseins wahrzunehmen, sich durch alle Religionen und Kulturen ziehe, sondern auch weil die Sehnsucht der Menschen nach solchen Erfahrungen so groß sei. „Wir müssen wieder lernen, viele kleine Dinge wahrzunehmen, die uns weiterhelfen“, bestätigt ein Teilnehmer die Ausführungen der Pfarrerin.

Gotteserfahrungen und Alltag miteinander in Einklang zu bringen, hat sich Spelsberg-Sühling auf die Fahne geschrieben. Angebote wie Meditationen, sogenannte Lebenswortgruppen, in denen die Menschen sich über Wörter austauschen, die ihr Herz berührt, Handauflegen, Salbungen oder Singen machten es möglich, den eigenen Glauben zu erfahren. Das gemeinsam angestimmte bekannte Kirchenlied „Gott ist gegenwärtig, lasset uns anbeten“ des Mystikers Gerhard Tersteegen gab davon eindrucksvoll Zeugnis.

Während sich die einen danach sehnen, ist Spiritualität für andere kein Thema. Er suche keine mystischen Erfahrungen in der Kirche, machte ein Mann deutlich und stieß damit eine kontroverse Diskussion an. Andere Teilnehmer fragten, wie man schlimmste Katastrophen positiv auslegen könne. „Warum greift Gott so unterschiedlich ein“, überlegten sie angesichts des großen Leids auf der Welt wie im Privaten.

„Alles was im Christentum entstanden ist, ist aus einer Erfahrung entstanden“, betonte Spelsberg-Sühling. Auch das Abendmahl sei eine mystische Erfahrung, in der alle gemeinsam Brot und Kelch teilten, gab sie zu bedenken, dass alles bereits in der Bibel vorkomme.

Text: Dietlind Ellerich

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