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„Wir brauchen eine Theologie, die Moderne und Erfahrung reflektiert“

EKD-Vizepräsident Dr. Horst Gorski plädiert für eine modifizierte Theologenausbildung und ein anderes Gemeindeleben Lengerich. „Wir brauchen eine Theologie, die in bewusster Anknüpfung an die Tradition des Neoprotestantismus die Moderne und Erfahrung reflektiert“, betonte Dr. Horst Gorski, der EKD-Vizepräsident, im Rahmen der gemeinsamen Pfarrkonferenz der drei Ev. Kirchenkreise im Münsterland. Es sei an der Zeit, eine Theologenausbildung zu entwickeln, in der dies vermittelt werde. Auch ein anderes Gemeindeleben sei gefragt. Horst Gorski war 15 Jahre als Gemeindepastor in Hamburg tätig. Ab 1999 war er Propst des Kirchenkreises Hamburg-Altona und im fusionierten Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein. Als Vizepräsident im Kirchenamt der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) leitet er die Abteilung „Öffentliche Verantwortung“. Gleichzeitig leitet er das Amt der VELKD (Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands).

„Vielleicht“, so der Vizepräsident, „gehen wir auf eine Kirche zu, die stärker als bisher Kirche des Heiligen Geistes ist. In der die äußeren Formen ergänzt werden durch ein Vertrauen darauf, dass in all diesen unüberschaubaren Prozessen unserer Welt der Geist Gottes wirkt“. Dies falle gerade der reformatorischen Kirche schwer, weil ein so freies Wirken des Geistes der Schwärmerei verdächtig  und in unseren Bekenntnisschriften ausgeschlossen ist, so der Theologe weiter. „Als Christinnen und Christen legen wir Zeugnis von einer Botschaft ab, die viel zu sagen hat zu Freiheit und Zwang, Angst und Vertrauen, Selbststeuerung und Gottvertrauen“ unterstrich er. 

In seinem Referat zur Rolle der Kirche in der Gesellschaft machte Dr. Horst Gorski deutlich, dass es darum geht, als Christ in Fragen der Säkularisierung, der Digitalisierung und der Selbstoptimierung eine Orientierung zu finden. Die Theologin Dorothee Sölle habe gesagt:“ Das Christentum des 3. Jahrhunderts wird mystisch sein oder absterben“. Den Schatz mystischer Erfahrungen bringe wahrscheinlich jeder Mensch aus der Kindheit mit. Auch Martin Luther habe diese Seite des Glaubens intensiv gekannt. „Wir brauchen dieses Erbe dringend und wir brauchen auch Luthers eigene Mystik, um die Reformation tauglich für die Zukunft zu machen“, appellierte der Referent an die Zuhörer. 

Unsere Epoche lebt in der Epoche des neoliberalen Denkens, führte Gorski weiter aus. Dies mache sich darin deutlich, dass alles Handeln von der Ökonomie her gedacht ist. Größe und Wachstum sind ein Wert an sich. Wahrheiten werden auf dem Tribunal des Marktes vollzogen. Die öffentliche Meldung über eine kleiner werdende Kirche sei, so gesehen, der Super-Gau. „Dass wir im Hamsterrad mitlaufen dürfen, scheint als die Erfüllung des Freiheitsversprechens der Moderne“ so der Referent. Ein weiteres Element unserer Epoche sei die Annahme, dass die Selbstoptimierung eine notwendige Anforderung darstellt, andernfalls habe das System keine Zukunft. Auch die Formen der Glaubenserfahrung und Mystik könnten sich nicht ganz der Gefahr entziehen, ihrerseits zur Selbstoptimierung zu dienen.  Indem man sich diese Prozesse bewusst mache, könne man sich aber innerlich ein wenig von dem Druck distanzieren. 

„Nach meiner Einschätzung haben wir noch keinen eigenen theologischen Zugriff auf die Veränderungen der Digitalisierung gefunden“, unterstrich Dr. Horst Gorski. Es entstünden Netzgemeinden, Chat-Rooms und Seelsorge-Plattformen. „Unsere klassischen theologischen Begriffe reichen nicht aus, dies als neue Formen des Leibes Christi zu verstehen“. Die Entwicklung der Kirche gehe weiter: Von der Institution über die Organisation zu einem Netzwerk. Geistlich lasse sich dies als unsichtbare Kirche begreifen. Das Thema der digitalisierten Welt sei die Kontrolle: Der Kontrollüberschuss korrespondiere mit einem Kontrollverlust. Das Fazit des EKD-Vizepräsidenten: Freiheit in der digitalisierten Welt entscheidet sich an den kognitiven, emotionalen und institutionellen Möglichkeiten, auf Distanz zu gehen und der durch die digitale Kommunikation behaupteten Realität Alternativen entgegenzusetzen. Die Kirche habe die Aufgabe, selber zu den behaupteten Realitäten auf Distanz zu gehen und Menschen in ihrer Widerstandskraft zu stärken.   

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