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Zu Fuß durch ein nervöses Land – Auf der Suche nach dem, was uns zusammenhält

„Nicht nur die Welt wird kleiner, auch jeder Einzelne schrumpft. Es gibt eine Art Selbstver-zwergung“, sagte der Philosoph und freie Journalist Jürgen Wiebicke in seiner Lesung im Dietrich-Bonhoeffer-Haus in Westerkappeln. Der Buchautor war auf Einladung der Evangelischen Kirchengemeinde Westerkappeln und der Evangelischen Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Tecklenburg gekommen, um seine persönlichen Beobachtungen nach einer vierwöchigen Wanderung durch Deutschland zu erläutern.

In der Bevölkerung gäbe es fast keine positive Zukunftserwartung mehr. „Wenn wir das halten, was wir haben, ist das schon viel“, so lautet oft die Meinung der Menschen auf seiner Wanderung. Doch beim genauen Hinsehen sei ihm aufgefallen, dass dieses Gefühl der schlechten Zukunftserwartung historisch ist. Seit der Französischen Revolution gibt es den Gedanken vom besseren Morgen. Heute fühlten sich die Menschen überall als Opfer der Umstände. Dagegen fehle es an positiven Zukunftserwartungen und Gestaltungswillen: „Die Idee eines Fortschritts, die es sehr lange gab, ist nach meiner Beobachtung futsch“, so Wiebicke. Einen wichtigen Teil trage dazu die Globalisierung bei. Auf der einen Seite würde sich die Welt immer weiter verbinden und scheinbar verkleinern, andererseits würden die globalen Zusammenhänge immer komplexer und überforderten die Menschen.

Am Beispiel der brennenden Textilfabrik irgendwo in Asien machte er deutlich, dass sich jeder Verbraucher fragen müsste, ob sein Hemd nicht von dort käme. Aufgrund dieser gewaltigen Vernetzung fühlten sich die Menschen machtlos, es gebe eine Art Selbstverzwergung. „Es gibt eine Gesellschaft aus lauter eingebildeten Opfern, ein Phänomen, das sich durch alle Gesellschaftsschichten, vom Flaschensammler bis zum gut bezahlten Manager zieht“, beschreibt Wiebicke das Phänomen. Dabei sei es sehr bequem, Opfer zu sein. Die AfD zu wählen, würde beispielsweise ausdrücken, dass man ein Opfer sei. Der WDR-Moderator sieht gleichzeitig eine große Chance: „Ich glaube, wir haben eine sehr günstige Situation, in der viele bereit sind, etwas zu tun“. Es sei eine Phase, in der jeder sich entscheiden kann, ob er Opfer sein will oder Aktiver. Schließlich sei die Demokratie auf Demokraten angewiesen.  

Die Wanderung des Journalisten Jürgen Wiebicke war kein Selbstfindungstrip. Er wollte seine „Blase“ verlassen, um Menschen zu begegnen, die in einer ganz anderen Welt unterwegs sind. Zudem wollte er wissen, wie es um den Zustand unserer Demokratie und um unser Land bestellt ist. Wandern hieß für den WDR 5 - Moderator im Sommer 2015, unterwegs zu sein, im Modus der Langsamkeit. Dabei erfuhr Wiebicke viel Offenheit bei seinen Gesprächspartnern ganz nach dem Motto: „Der kommt nicht nur, der geht auch wieder“. Er sprach mit Landwirten, Leergutsammlern, Unternehmern, Millionären, Künstlern sowie vielen anderen. Der Journalist nahm an einem Schützenfest teil, war in Flüchtlingsheimen, auf einem Schlachthof und in einer Yogasitzung.

Natürlich wollte er dabei die Gesellschaft analysieren und erkannte: „Wenn man Menschen in ihrer Lebenswelt trifft, gibt es ein Bild von dem, was in der Gesellschaft los ist“. Viele Menschen sagten: „Mit jedem weiteren Tag wächst meine Ratlosigkeit!“ oder „Ich kenne mich nicht mehr gut aus in der Welt von heute!“ Der Philosoph erfuhr, dass man als Wanderer mehr sieht, weil man in der Langsamkeit unterwegs ist. Er sah Dinge, die man sonst nicht sieht. Es sind Kleinigkeiten, an denen man die große Veränderung wahrnimmt, gerade wegen der Langsamkeit. Doch warum spricht der Autor des Buches „Zu Fuß durch ein nervöses Land – Auf der Suche nach dem, was uns zusammenhält“, von einem nervösem Land? „Nervosität ist kein Zustand, den man sich aneignet, sondern es sind Gefühlszustände“, so der Autor.

Dieser Zeitgeist trage gefährliche Früchte. Davon ist der Autor überzeugt – nicht weniger als unsere Demokratie sieht er in Gefahr. Kürzlich, bei einer Lesung in Ostdeutschland, habe er erschrocken festgestellt, wie viel Sehnsucht nach autoritärer Erlösung da sei. Viele würden sich wünschen, dass es jemanden gibt, der die Führung übernimmt.

Ehrenamtliches Engagement könnte ein Mittel gegen die gefühlte Ohnmacht sein und außerdem zu gesellschaftlichem Zusammenhalt beitragen. Dazu las er aus seinem Buch „Zu Fuß durch ein nervöses Land“ das Kapitel über das Schützenfest vor. Institutionen wie Schützenvereine erfüllen in der Gesellschaft eine wichtige Funktion: Sie stiften Gemeinschaft und Zusammenhalt. Dieses sei ein wichtiger Grundstein der Demokratie und einer, den die Demokratie nicht selbst bereithalte. Die freiheitliche Demokratie gebe den Menschen die Freiheit, sich nicht um Politik und Gemeinschaft zu scheren. Gleichzeitig brauche sie Menschen, die es trotzdem tun.

Am Beispiel der Flüchtlingsbewegung schilderte Jürgen Wiebicke, dass es vielen Menschen wichtig sei, sich dem Ehrenamt zu verpflichten. Dabei sei aber nicht das Wohl um die Flüchtlinge der wichtigste Aspekt, sondern eher das grundlegende menschliche Bedürfnis, zu helfen und gebraucht zu werden.

In einer angeregten Diskussion forderte er die Zuhörer auf: „Kommt raus aus dem Opferdasein und geht rein in die Rolle des aktiven Gestalters!  Die wirklich guten Initiativen entstehen aus freien Stücken und nicht aus Zwang. Doch letztlich verlange so ein ehrenamtliches Engagement gesellschaftliche Achtung und Anerkennung. Dabei sei wichtig, zu erkennen, dass die Menschen nicht hilfsbedürftig sondern „helfensbedürftig“ sind.

Text: Claudia Keller

 

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