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4000 Jahre in Angst vor Verfolgung und Unterdrückung - Dennis Bozan erzählt von der Geschichte der Eziden

Als Referent eines Themenabends des ökumenischen Café International in Ibbenbüren war am 9. November der Hannoveraner Dennis Bozan zu Gast. Er erzählte spannend und eindrucksvoll von der Religionsgemeinschaft der Eziden, (in Deutschland besser bekannt unter dem Namen Jesiden oder Yeziden) eine der wohl weltweit ältesten Religionen überhaupt. (ca. 2000 v. Ch.).

Dennis Bozan ist Mitglied der Gesellschaft ezidischer Akademiker und stellvertretender Vorsitzender der „Aktion Hoffnungsschimmer“. Beide Organisationen engagieren sich besonders in der Flüchtlingsarbeit.

Geschichtlicher Abriss und Glaubensgrundsätze der Eziden

Laut Bozan liegen die Wurzeln des Ezidentums in einer alten iranischen Ur-Religion. Dafür, so der Referent, würden die Überschneidungen mit überlieferten Schöpfungsmythen in Verbindung der damaligen Engellehre und der Verehrung der Sonne sprechen.

Das Ezidentum kennt nur einen allmächtigen Gott, der die Welt erschuf. Er hat ihrem Glauben nach den Menschen die Sinne und den Verstand gegeben, so dass sie sich für den richtigen Weg im Leben entscheiden können. Jeder Mensch ist somit für seine Taten selbst verantwortlich.

Wie auch in anderen Religionen glauben die Jesiden daran, dass das Leben nach dem Tod nicht endet. Wie Dennis Bozan erläuterte geht die Seele nach dem Tod auf Wanderung und erreicht am Ende einen neuen Zustand, der abhängig von den zu Lebzeit begangenen Taten sei.

Eine Religionsgemeinschaft in ständiger Angst vor Verfolgung

Seit dem 15. Jahrhundert gehören Verfolgung, Ausgrenzung, Massaker und Flucht zum Leben im Ezidentum dazu. Zuletzt tötete der islamische Staat (IS) 2014 im Nordirak über 5000 Eziden, verschleppte und versklavte Frauen und Kinder. Dennis Bozan sieht die besondere Gefahr für die Eziden auch darin begründet, dass sie zum einen auf Grund ihrer ethnischen Herkunft - viele Eziden sind Kurden- verfolgt werden, zum anderen als Teufelsanbeter angesehen werden. Dies liegt darin begründet, dass das Symbol ihres obersten Engels Melek Taus ein Pfau ist. Der Pfau gilt in vielen Gesellschaften zwar als Symbol besonderer Schönheit, wird aber zum Beispiel im späteren Christentum als Symbol der Eitelkeit verachtet und in einigen Gegenden des Mittelmeeres auf Grund eines als Auge gedeuteten Zeichen im Gefieder des Pfaus, sogar als „Auge des Teufels“ verstanden.

Die Bedeutung der Engel in einer Religion ohne Schriften

Dabei kennt das Ezidentum keinen Teufel, da es nur Gott allein als allmächtig ansieht. So fragte Bozan bei seinem Vortrag in Ibbenbüren dieser Logik folgend: „Wenn Gott allmächtig ist, warum soll er sich dann selbst einen Erzfeind geschaffen haben?“

Allerdings kennt der Glaube der Eziden sieben Engel mit ihrem Oberhaupt, dem Engel Tausi Melek (Engel Pfau), der die Gebote und Pläne Gottes auf Erden umsetzt.

Die ständige Angst vor Verfolgung sei auch der Grund dafür, dass die Eziden weder Bücher und Schriften, noch andere Aufzeichnungen über ihr religiöses Leben besitzen.

Laut Bozan werden „Qewlen (Texte), Beyten (heilige Gedichte) und Duayen (Gebete) bei Taufen, Hochzeiten oder Beerdigungen, ebenso wie zu den Feiertagen der Eziden nur mündlich rezitiert.

Die drei Kasten der Eziden

Eine weitere Besonderheit im Ezidentum ist laut Dennis Bozan die Existenz von drei Kasten, in die man hineingeboren wird und in der man sein Leben lang bleibt. Das allerdings ist die einzige Gemeinsamkeit mit dem Kastensystem im Hinduismus. Denn im Ezidentum sind die Menschen aller Kasten gleich, können jeden Beruf erlernen und sind wirtschaftlich auf einer Stufe. Über 80 % gehören der Kaste der Muriden, an. Es sind die allgemein Gläubigen. 5 % zählen zur Kaste der Piren und 15 % gehören den Scheichs an. In den beiden kleineren Kasten sind sowohl Männer als auch Frauen die religiösen Führungskräfte und dürfen die Zeremonien und Rituale der Glaubensgemeinschaft durchführen, wobei die Scheichs noch zusätzliche administrative Aufgaben im sozialen und gesellschaftlichen Leben übernehmen.

Zur Zukunft der Eziden

Laut Bozan ist das Ezidentum mit etwa 1.000.000 Millionen Mitgliedern (von denen über 300.000 in Deutschland leben) vom Aussterben bedroht. Das liege zum einen an selbst auferlegte Regeln wie etwa dem Gebot, dass man nur innerhalb einer Kaste heiraten dürfe. Ein weiterer Grund könne die Anpassung an die Moderne sein, die das Ezidentum letztendlich bis zur Unkenntlichkeit beliebig machen würde.

Zum Abschluss der Veranstaltung, für die sich Ingeborg Paul und Eva-Maria Steilmann vom Mitarbeiterkreis des Cafe´s International bei Dennis Bozan bedankten, ergriff der in Ibbenbüren für 40 Familien ezidischen Glaubens zuständige Scheich Khalaf Suleiman Qasim das Wort. Er bedankte sich mit ergreifenden Worten für die Unterstützung der christlichen Kirchen in Ibbenbüren und sagte: „Woanders werden wir als Unwürdige erschlagen, und Sie haben uns mit Rosen empfangen!“

Text: Friedrich Schönhoff

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