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"Antisemitismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem“ - Ausstellung „Du Jude“ im Dietrich-Bonhoeffer-Haus Westerkappeln eröffnet

Auf deutschen Schulhöfen wird „Jude“ als Schimpfwort benutzt, Synagogen und andere jüdische Einrichtungen sind auf staatlichen Schutz angewiesen, Juden werden Opfer verbaler und tätlicher Angriffe. Das ist Realität in Deutschland im Jahr 2022.

Und es sind keine Einzelfälle. In Jahr 2021 wurden 2738 antisemitische Vorfälle erfasst. Der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (Rias) geht zudem in seinem Jahresbericht von einer hohen Dunkelziffer aus.

Vor diesem Hintergrund eröffnete Pfarrerin Adelheid Zühlsdorf-Maeder am 20. Oktober 2022 im Dietrich-Bonhoeffer-Haus in Westerkappeln die Ausstellung „Du Jude! - Alltäglicher Antisemitismus in Deutschland“. Konzipiert wurden die zwanzig Schautafeln von den Mitarbeitern des Projektes „Jederzeit wieder! Gemeinsam gegen Antisemitismus“ der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Sie zeigen verstörende Erscheinungsbilder von Antisemitismus im Alltag, lassen Betroffene zu Wort kommen und stellen fest, dass Judenhass nicht auf politische Randgruppen beschränkt ist, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem darstellt.

In Westerkappeln haben sich die Evangelische Kirchengemeinde, der Evangelische Kirchenkreis Tecklenburg und die Evangelische Erwachsenenbildung dafür stark gemacht, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Der erste stellvertretende Bürgermeister Winfried Raddatz wies in seinem Grußwort darauf hin, dass auch in Westerkappeln diesbezüglich Aufklärungsarbeit betrieben werden müsse und dankte der Kirchengemeinde für das Engagement.

Den Einführungsvortrag hielt Prof. i. R. Dr. Reinhold Mokrosch vom Institut für Evangelische Theologie der Universität Osnabrück. In sechs Kapiteln führte er zahlreiche Beispiele für alltäglichen Antisemitismus an und analysierte deren Ursachen. Die Tatsache, dass „Jude“ als Beleidigung gebraucht werde, würde oftmals bagatellisiert, so der Referent. Er hatte einige Lehrer dazu befragt und bemerkenswerte Antworten erhalten. So erfuhr er, dass sie im Unterricht den Nahost-Konflikt vollkommen ausklammerten und den Holocaust sehr „vorsichtig“ behandelten.

Antisemitismus trete in verschiedenen Formen auf, die auf jahrhundertealten Vorurteilen beruhten, so Professor Mokrosch. Er führte einige der verwerflichsten auf, wie die Anschuldigungen als Gottesmörder oder Brunnenvergifter. Es sei wichtig, diesen mit Zivilcourage entgegenzutreten, betonte er. Besuche in Synagogen, Erleben von jüdischen Festen oder des kulturellen Reichtums in Kunst und Musik könnten zum Umdenken anregen.

In der regen Diskussion berichtete Martin Tager, Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Osnabrück, von seinen überwiegend guten Erfahrungen als Jude in Deutschland. Er lud dazu ein, die Synagoge in Osnabrück zu besuchen und dort an einem Gottesdienst teilzunehmen. „Sie steht allen Menschen offen,“, so Tager. Eine Zuhörerin wies auf die Notwendigkeit wertschätzender Erkundung anderer Kulturen hin. Wolfgang Meinert fragte, wie Antisemitismus in unsere Schulen gelangt. Dazu vertrat Anne-Sibylle Schwetter, Kuratorin am Felix-Nussbaum-Museum, die Meinung, dass dieses Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft tief verankert sei und darüber in die Köpfe der Kinder gelange.

Pfarrer i. R. Reiner Ströver sprach die israelische Siedlungspolitik und deren Einstufung als Apartheid an. Friedrich Aißlinger hob hervor, dass es von enormer Bedeutung sei, einander besser kennenzulernen. Dazu trägt die Ausstellung im Dietrich-Bonhoeffer-Haus am Kirchplatz von Westerkappeln auf jeden Fall bei. Sie ist noch bis zum 25. November 2022 montags bis donnerstags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Text: Brigitte Striehn

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