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Das problematische Verhältnis zwischen Christen und Juden - Vortrag von Dr. Axel Töllner in Westerkappeln

Im Dietrich-Bonhoeffer-Haus der Gemeinde Westerkappeln wird derzeit die sehenswerte Ausstellung "Du Jude! - Alltäglicher Antisemitismus in Deutschland" gezeigt. Im Rahmenprogramm hielt Pfarrer Dr. Axel Töllner am 25. Oktober 2022 einen Vortrag zum Thema „Von der ‚Lehre der Verachtung‘ zum ‚Dialog auf Augenhöhe‘ - Aufbrüche im christlich-jüdischen Verhältnis seit 1945“.

Darin nahm er Bezug auf die „Seelisberger Thesen“ aus dem Jahr 1947. In dem kleinen Ort in der Schweiz trafen sich damals christliche und jüdische Menschen zu einer internationalen Konferenz. In echter Kooperation erarbeiteten sie zehn Thesen, die Gemeinsamkeiten in den Vordergrund stellten und somit bahnbrechend für das Verhältnis zwischen beiden Religionen waren, erklärte der Referent.

In einem Grußwort verwies André Ost, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Tecklenburg, auf die gemeinsamen Wurzeln von Christentum und Judentum. „Die bleibende Verbindung zum Judentum ist inzwischen in Artikel 1 der westfälischen Kirchenordnung aufgenommen worden“, erläuterte er. Antisemitische Stereotype seien damit jedoch nicht automatisch verschwunden.

Als ein Eckdatum für das christlich-jüdische Verhältnis bezeichnete der Fachreferent das Erscheinen des Buches „Das Neue Testament – jüdisch erklärt“ im vorigen Jahr. „Das Werk kann zu einer besseren Theologie für die Zukunft führen“, hob er hervor. Der Prozess des Umdenkens mit Betonung der Verbundenheit sei indessen eine langfristige Angelegenheit. 1.500 Jahre Feindseligkeiten und Zwietracht ließen sich nicht in wenigen Jahrzehnten überwinden. „Nur langsam setzte sich nach 1945 die schmerzhafte Erkenntnis durch, dass der moderne mörderische Judenhass mit tradierten christlichen Judenbildern zusammenhängt“, stellte Dr. Töllner fest. Das Ringen mit dieser Einsicht gehe bis heute weiter, so sein Fazit.

Töllner ist seit 2014 Beauftragter für den christlich-jüdischen Dialog in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern sowie Inhaber des Lehrstuhls für Religionspädagogik und Didaktik des Evangelischen Religionsunterrichts an der Universität Nürnberg. Mit persönlichen Impressionen aus seinem Studium an der Hebräischen Universität in Jerusalem oder theologischen Betrachtungen, unter anderem zum Alten und Neuen Testament, fesselte er die Zuhörer. Er analysierte Streitpunkte, die bis heute für Zündstoff in Wissenschaft und Gesellschaft sorgen und blickte auf den aktuellen Paradigmenwechsel in Kirche und Theologie.

Angesprochen wurden zudem Martin Luthers Judenhass, missionarisches Werben für den Glauben an Jesus Christus, der israelisch-palästinensische Konflikt oder immer unverhohlener zutage tretender Antisemitismus. „Der christlich-jüdische Dialog ist eine Schule der Vielfalt“, betonte Dr. Töllner. Sie lehre uns, das Kostbare in anderen Traditionen zu entdecken und wertzuschätzen. Die Passionsfrömmigkeit im Christentum sei hingegen durchzogen von antijüdischen Ressentiments und Antisemitismus ein Gift, das die ganze Gesellschaft zerstört.

In der anschließenden Diskussion wurde nach dem Umgang mit judenfeindlichen Bildern und Skulpturen in Kirchen gefragt. Der Referent plädierte dafür, sie dort zu belassen und nicht in Museen auszustellen. „Dies ist Teil unserer Tradition“, sagte er. Dass Antisemitismus ein globales Phänomen ist, hatte sich bei der „documenta“ in Kassel gezeigt. Begegnungen zwischen Religionen, auch mit dem Islam, sind in Deutschland in mehreren Projekten möglich: beispielsweise im interreligiösen Chor „Trimum“ in Stuttgart oder dem Programm „Schalom Aleikum“ des Zentralrats der Juden.

Die Ausstellung "Du Jude! - Alltäglicher Antisemitismus in Deutschland" ist ein Gemeinschaftsprojekt der Evangelische Kirchengemeinde Westerkappeln, des Evangelischen Kirchenkreises Tecklenburg und der Evangelischen Erwachsenenbildung. Sie ist noch bis zum 25. November 2022 im Dietrich-Bonhoeffer-Haus Westerkappeln zu sehen.

Text: Brigitte Striehn

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