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Ein fast unbekanntes Kapitel westfälischer Geschichte - „Kibbuz Westerbeck“ bot jüdischen Jugendlichen Zuflucht vor Gräueltaten der Nationalsozialisten

In dem kleinen westfälischen Dorf Westerbeck, heute eine Bauerschaft in Westerkappeln, existierte von 1933 bis 1938 ein „Hachschara-Lehrbauernhof“. Der hebräische Begriff steht für „Vorbereitung“ und beschreibt das Ziel dieser Einrichtung.

Jüdischen Jugendlichen wurden grundlegende Kenntnisse der Land- und Hauswirtschaft, der hebräischen Sprache sowie im Handwerk und Gartenbau vermittelt. Darüber wurde ein Zertifikat ausgestellt, das die legale Einreise in das britische Mandatsgebiet Palästina erlaubte. Es waren kleine Inseln der Hoffnung, die vielen Menschen das Leben retteten. Die Jungen und Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren wurden für die Aufgabe ausgebildet, das Land „Eretz Israel“ zu besiedeln.

Über das bis heute nahezu unbekannte Kapitel des „Kibbuz Westerbeck“ referierte am 14. November 2022 der Historiker Gisbert Strotdrees aus Münster im Dietrich-Bonhoeffer-Haus Westerkappeln. Zu dem Vortragsabend hatten der Männerkreis der Kirchengemeinde und die Erwachsenenbildung im evangelischen Kirchenkreis Tecklenburg eingeladen. Pfarrer Olaf Maeder begrüßte zu dem interessanten heimatgeschichtlichen Thema etwa 80 Zuhörer.

Der Referent hatte durch umfangreiche Recherchen ein wenig Licht in das Dunkel der fast vergessenen Ereignisse gebracht, die sich vor der Haustür der Westerkappelner Dorfbevölkerung abspielten. „Das muss man sich jedoch wie ein unvollständiges 1000-Teile Puzzle vorstellen“, beschrieb er seine Forschungen. Anhand vieler Dokumente und Fotos machte er deutlich, wie die Jugendlichen arbeiteten und ihre Freizeit verbrachten. Er zeigte jedoch auch, welch brüchiges Gebilde in mörderischen Zeiten der Hof Westerbeck war. Es entstand eine Heimat auf Zeit, die für einige Monate Schutz vor Verfolgung, Gewalt und Deportation bot. Schon 1935 versuchte die Gestapo für den Regierungsbezirk Münster, das „Umschulungslager“ aufzulösen, zunächst aufgrund der offiziellen Regierungshaltung, der Förderung von Vertreibung aller Juden aus Deutschland, ohne Erfolg.

In der Pogromnacht am 9. November 1938 überfielen schließlich SA-Angehörige mit barbarischer Brutalität den Hof, misshandelten das Verwalterehepaar Dora und Siegfried Löwenstein, richteten immense Schäden an Gebäude und Inventar an. Die Täter kamen aus Westerkappeln, ihre Namen seien – angeblich – unbekannt, erklärte der Referent. Mindestens zehn der Westerbecker Teilnehmer der Ausbildung kamen in Konzentrationslagern oder Ghettos ums Leben. Ihre Namen sind in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem verzeichnet. Beispielhaft hatte Strotdrees drei Schicksale von Überlebenden ausgewählt, drunter die bekannte Karikaturistin Friedel Stern. Sie begleitete 1961 den Eichmann-Prozess als Pressezeichnerin.

Laut Inschrift am Giebel von „Hof Stern“ wurde das Gebäude am 12. Juli 1924 errichtet. In akribischer Auswertung von Personalakten, Meldekarten und Briefen war es Strotdrees gelungen, die Geschichte des bäuerlichen Anwesens weiter zu verfolgen. Der Osnabrücker Viehhändler Rudolf Stern und sein Bruder, der Kaufmann Leo Stern, hatten 1932 im Zuge einer Zwangsversteigerung in Zeiten der Wirtschaftskrise den Bauernhof erworben. Sie verpachteten ihn an die „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“, die ihn für wenig Geld dem zionistischen Pfadfinderbund Makkabi Hazair überließ. Rudolf Stern wurde deportiert und im Konzentrationslager Buchenwald gezwungen, seinen Hof verkaufen zu lassen. Das Landgericht Münster erklärte den Vorgang 1952 für nichtig, er erhielt sein Eigentum zurück. Mit dem zwischenzeitlichen Besitzer, dem Landwirt Heinrich Pöppelwerth, einigte er sich später wohl auf einen Vergleich, so der Referent.

Da es nicht viele Dokumente gibt, bat er die Anwesenden, in privaten Fotoalben oder Briefen nach Hinweisen zu suchen, die sein Bild vervollständigen könnten. „Wir sind für die Untaten unserer Vorfahren nicht verantwortlich, aber für die Weitergabe von Erinnerungen“, betonte er.  Der Wissenschaftler und Journalist ist unter der E-Mail-Adresse gisbert.strotdrees@wochenblatt.com zu erreichen. An der Spurensuche will sich gern auch Herbert Pöppelwerth beteiligen, sagte er zu. Er ist der heutige Besitzer des Hofes Stern. In der Diskussion wurde deutlich, dass in vorangegangenen Generationen die Geschehnisse ein Tabu waren, es wurde nur hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen. So bleibt der „Kibbuz Westerbeck“ auch eine Geschichte von Vergessen und Verdrängung.

Text: Brigitte Striehn

 

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