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Fragen um die Organspende berühren viele Tabus - Prof. Dr. Jan Gummert referierte in Tecklenburg

Über die medizinischen und psychosozialen Aspekte der Organspende und Organtransplantation sprach Professor Dr. med. Jan Gummert auf Einladung der Evangelischen Erwachsenenbildung Tecklenburg im Gemeindehaus an der Walter-Borgstette-Straße. Nachdem fünf Wochen zuvor der Bundestagsabgeordnete René Röspel das Thema in den politischen und ethischen Kontext eingeordnet hatte, kam mit dem Herzchirurgen, der ärztlicher Direktor des Herz- und Diabeteszentrums NRW in Bad Oeynhausen und Direktor der Klinik für Thorax- und Kardiovaskularchirurgie sowie Hochschullehrer ist, ein ausgewiesener Fachmann zu Wort.

Er blickte auf den Beginn der Organtransplantationen zurück und beleuchtete das Prozedere von der Bereitschaft zur Spende bis zur Organentnahme und -transplantation.

Es sei ein komisches Gefühl, wenn man einen leeren Brustkorb vor sich habe, räumte Gummert ein, machte aber zugleich seine Faszination für „die technisch nicht herausfordernde Herztransplantation“ deutlich. 

Unermüdlich brach der Mediziner die Lanze für die Organspende, wies darauf hin, dass Deutschland als größtes Land im Eurotransplant-Verbund seit Jahren bei den Spenderzahlen zu den Schlusslichtern im Vergleich mit den anderen Ländern gehöre. Zeitweise seien es so wenige Spender gewesen, dass das Land Gefahr gelaufen sei, aus dem Verbund ausgeschlossen zu werden.

Gummert beschrieb das Dilemma, dass Menschen sterben, während sie auf ein Organ warten, weil es zu wenige Spenderinnen und Spender gebe. Er räumte ein, dass es schwierig sei, sich mit dem Thema des eigenen Todes zu befassen, betonte aber auch, dass die Verunsicherung darüber groß sei, wer überhaupt Organe spenden könne. Es sei ein Mythos, dass die meisten Organe von Unfallopfern stammen. Deren Anteil liege bei lediglich 15 Prozent. Entscheidend seien schwere Hirnschädigungen als Todesursache. In Deutschland kämen jedoch die meisten Menschen durch Gefäßkomplikationen zu Tode und als Spender nicht mehr infrage.

Dass so wenige Menschen bereit seien, Organe zu spenden, liege nicht daran, dass in Deutschland zu wenig über das Thema aufgeklärt würde, ist der Referent überzeugt. „Ich wüsste nicht, wie man noch mehr machen könnte“, stellte er fest. Fakt sei allerdings, dass die Fragen rund um die Organspende sehr viele Tabus berühre. Pastor Björn Thiel, der die Diskussion zwischen den beiden Vortragsteilen des Mediziners moderierte, bestätigte das und erinnerte an die Ausnahmesituation, in der sich Menschen nach dem Hirntod eines Angehörigen befänden. Gerade deshalb mache es Sinn, im Vorfeld darüber zu sprechen und nicht erst im Akutfall, gab Thiel zu bedenken.

Der Referent erläuterte auch die Hirntoddiagnostik, die nicht vom behandelnden Arzt, sondern von unabhängigen Medizinern durchgeführt würde.

Dass nicht immer alles gut werde, sobald ein Patient ein Spenderorgan bekommen habe, machte Gummert ebenfalls deutlich. Er ging auf mögliche Abstoßungsreaktionen und auf die richtige Balance zwischen der Unterdrückung und dem Erhalt der Immunabwehr ein. Auch Herzunterstützungssysteme und Kunstherzen sprach er an.

Der Chance auf ein menschliches Herz aus dem 3D-Drucker erteilte Gummert eine Absage. „Das ist kompletter Unfug“, sagte er. Ihm ist es wichtig, die Menschen von der Notwendigkeit der Organspende zu überzeugen.

Text: Dietlind Ellerich

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