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Können Religionen Friedensstifter sein? Prof. Dr. Reinhold Mokrosch referiert beim Männerfrühstück

Wie friedfertig sind eigentlich unsere Religionen? Welche Vorgaben machen die jeweiligen heiligen Schriften zu diesem Thema, und gibt es da Auslegungsspielraum? Dieser spannenden Frage gingen am ersten Novembersamstag rund 40 interessierte Teilnehmer des „Männerfrühstücks“ im evangelischen Gemeindehaus „Blick.punkt“ in Ibbenbüren nach.

Man habe eine strikte 3G-Regelung bei der Veranstaltung angewendet. Auf diese Feststellung legt Pfarrer i. Ruhestand Reinhard Paul, der auch die morgendliche Begrüßung vornahm, großen Wert. Nach einem geistlichen Impuls durch seinen Kollegen, Pfarrer i. R. Reiner Ströver, sowie einem gemeinsamen Frühstück folgte der wichtigste Teil der Veranstaltung: Der evangelische Theologe Professor Dr. Reinhold Mokrosch von der Universität Osnabrück hielt einen sehr ausführlichen und  von eigenen Erfahrungen geprägten Vortrag zum Thema „Können die Religionen Friedensstifter sein?“ Sehr wichtig war Mokrosch dabei, gleich zu Beginn zu betonen, dass es weder „DAS Christentum“ noch „DAS Judentum“ oder „DEN Islam“ gebe. Dafür jede Menge Widersprüche, und aufgeworfene Fragen, ob es Aufforderungen zur Gewalt in den Glaubenstexten gibt und wer denn nun eigentlich „schuld“ ist an den Fehlinterpretationen der Schriften.

95 Prozent des Neuen Testaments umfassen friedensstiftende Aussagen

Beginnend mit dem Judentum, stellte der Gastreferent, der selbst Vorsitzender sowohl der deutsch-israelischen als auch der deutsch-palästinensischen Gesellschaft in Osnabrück war, fest: „Es gibt eine Kriegstheologie im Alten Testament in der hebräischen Bibel.“ Daneben finde sich aber auch eine große Friedenstheologie. Ebenso im für die Christen so wichtigen Neuen Testament: Da sei in 95 Prozent der Texte die Rede von friedensstiftenden Maßnahmen sowie der Aufforderung zur „Entfeindung“. Doch selbst die Bergpredigt könne fehlgedeutet werden als nur innerhalb eines Volkes geltend, erläuterte Mokrosch. „Am Evangelium zerstreiten wir uns alle – wenn wir es ernst nehmen“, befand der Professor.

Dagegen sei der Islam friedfertiger als viele nichtmuslimische Menschen glauben; erst ein (ideologisch motivierter) Dogmenwechsel mache den Koran zu einem kriegerischen Aufruf: In der Ursprungsversion sei die Rede von einem großen und einem kleinen Djihad, so Mokrosch. Der große Djihad beziehe sich dabei auf den Kampf gegen die inneren Feinde. Erst im viel seltener erwähnten kleinen Djihad gehe es tatsächlich um die Bekämpfung Andersgläubiger. Doch durch eine Interpretationsumkehrung wurde auf einmal aus dem großen Djihad auch der große Aufruf zum Krieg – aus rein ideologischen Gründen. Dies sei auch in anderen Religionen zu beobachten.

Offen sein für andere Religionsgemeinschaften

„Wenn aus einer Religion eine Ideologie gemacht wird, dann ist sie keine Religion mehr“, stellte der Osnabrücker Professor klar, und betonte, dass es darum auch nicht um die angeblich „richtige Religion“, sondern vor allem um die Förderung von Friedenswerten gehen müsse: Werte wie Menschenwürde, Toleranz und Meinungsfreiheit müssten gefördert, andere Bräuche anerkannt werden, solange sie nicht (wie zum Beispiel die Unterdrückung von Frauen) bestimmte Menschengruppen einschränken. „Wir sollten offen sein auch für andere Religionsgemeinschaften“, nur dann seien kleine Schritte der Entfeindung möglich – keineswegs aber (wenn man für das Christentum die Bergpredig als Grundlage nehme) ein wirklicher Friede, so der Referent. Auch müsse vor allem innerhalb der Religionen Frieden herrschen, denn: „Der größte Unfrieden ist nicht zwischen den Religionen“, so Professor Dr. Reinhold Mokrosch, der hier auf zum Teil unüberbrückbare Differenzen zwischen zum Beispiel den christlichen Konfessionen verwies.

Im Hinblick auf den Islam machte Mokrosch deutlich: „Wir kennen nur die gewaltorientierten Islamisten“, doch die verfolgten eine ideologische Linie und daher haben „Islamisten nichts mit dem Islam zu tun.“ Nicht viel besser als in den drei großen monotheistischen Religionen sehe es in anderen Religionen wie dem Hinduismus sowie dem als friedlich geltenden Buddhismus aus: Neben einem überwiegend friedlichen Anteil finde sich eben auch die Möglichkeit zur Gewalt in den Heiligen Schriften. Das abschließende Fazit des Gastes: „Religionen können Friedensstifter werden… obwohl sie es oft nicht sind!“

Text: Claudia Ludewig

 

 

 

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