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Ohne Pflege keine Zukunft!? - die Zukunft der Pflege in NRW

Hoher Besuch bei der Auftaktveranstaltung der „Tecklenburger Gespräche“ nach der Sommerpause: Karl-Josef Laumann, Landesminister für Arbeit, Gesundheit und Soziales, referierte am 20. September zum Thema „Alt und krank – zur Situation der Pflege in NRW.“ Gut 30 interessierte Zuhörer hatten sich im Evangelischen Gemeindehaus eingefunden, um den Ausführungen des Fachmannes zu lauschen, der, wie er selber betont, während seiner Laufbahn mehr Pflegeeinrichtungen besucht hat als irgendein anderer Politiker.

Den Anfang machte jedoch Michael Huse, Pflegedienstleiter am Matthias-Claudius-Haus. Er berichtete offen aus der Praxis, erzählte von den alltäglichen Herausforderungen und Nöten, etwa der ausufernden Dokumentationspflicht. Auch mit anderen Entwicklungen erntet er betroffene Blicke im Publikum: „80 bis 85 Prozent der Bewohner bei uns sind in irgendeiner Form dement.“ Laumann greift das auf: „Ich habe einen Riesenrespekt vor Menschen, die mit Demenzkranken zusammenleben.“ Zumindest an einigen Nachmittagen in der Woche verdienten diese Menschen aber auch eine Entlastung, da müsse die Pflege einspringen. Und das könne sie auch: „Wir besitzen mittlerweile gewaltige Strukturen rund um den pflegebedürftigen Menschen“, stellt er stolz fest. Damit seien die Auswahlmöglichkeiten Betroffener gestiegen, endlich herrsche Wahlfreiheit auf dem Pflegemarkt. Tagespflege und ambulante Pflegedienste hätten sich als wichtige Ergänzungen zum klassischen Pflegemodell dazugesellt.

Laumann betont, wie gut es im Nachhinein gewesen sei, dass die Infrastruktur der Pflege nicht staatlich geplant worden, sondern über die Gelder aus der Pflegeversicherung unabhängig erwachsen sei. „In ihrer heutigen Vielfalt wäre sie unter staatlicher Führung nicht entstanden“, ist er überzeugt. Allein, „Geld pflegt nicht“, weiß der Minister. Die aktuelle Situation sehe so aus, dass zwar Geld genug da sei, aber dauerhafter Personalmangel herrsche. Allein in NRW würden 3000 bis 4000 neue Pflegekräfte gebraucht, zitiert er die Zahlen. Ein großes Problem dabei sei, dass Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen um diese konkurrieren würden. „Deswegen müssen wir ausbilden, was das Zeug hält.“ Eine Option sei das Anwerben von Pflegekräften aus dem Ausland, wobei man aber darauf achten müsse, den entsprechenden Ländern keine selbst dringend benötigten Arbeitskräfte wegzunehmen. Laumann spielt mit dem Gedanken, direkt im Ausland Pflegeschulen des Landes einzurichten.

Die enge Verzahnung von Pflege und Hausärzten ist ein weiteres Thema für ihn. Der sich in den nächsten Jahren noch weiter verschärfende Mangel an Hausärzten, besonders in ländlichen Regionen, stelle die Pflege vor Probleme. Um dem entgegenzuwirken, bekomme die Uni Bielefeld nun eine medizinische Fakultät. Dennoch sei weiterhin eine Diskrepanz darin zu erkennen, dass in der Pflege jeder Bewerber genommen werde, in der Medizin aber elf Bewerber auf einen Platz kämen, was vor allem an den sehr teuren Studiengängen liege. Hier hat Laumann nicht unmittelbar eine Lösung parat, dafür aber eine andere wichtige Baustelle ausgemacht: „Warum kann ich mir im Internet anzeigen lassen, in welchem Hotel in einer Stadt noch Zimmer frei sind, nicht aber bei Pflegeheimen?“ fragt er in die Runde. Vieles sei nach wie vor zu kompliziert, die Menschen wollten keine virtuellen Strukturen, die sie nicht verstünden, sondern Handfestes.

Mit einem eindringlichen Appell, die Heime müssten im öffentlichen Leben noch viel präsenter sein, kam er zum Ende. „Ein gutes Heim ist eines, wo alle Menschen wie selbstverständlich ein und aus gehen.“ Pflege in der Mitte der Gesellschaft, das ist Laumanns Vision. Und: „Die Oma wird nicht abgeschoben, wenn man sie ins Pflegeheim bringt – abgeschoben wird sie erst, wenn man sie dort nicht mehr besucht“, unterstrich er seine Haltung christlicher Nächstenliebe und erntete dafür viel Applaus. Mit einer angeregten Diskussion klang die Veranstaltung schließlich aus.

Text: Dario Sellmeier

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