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Wie Menschen in Ländern des Nahen Ostens leben - Vortrag von Sandra de Vries stößt auf großes Interesse

Ibbenbüren. Die Fortbildungsreihe der Evangelischen Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Tecklenburg unter dem Thema „Fremde aufnehmen“ stößt in Ibbenbüren auf großes Interesse. Im April war zum zweiten Mal die Ethnologin und Trainerin für interkulturelle Kompetenz Sandra de Vries im „Café International“ in der Alten Schule am Kirchplatz zu Gast. Pfarrerin Adelheid Zühlsdorf-Maeder begrüßte dazu über 40 Zuhörer, die bei dem Vortrag etwas über „Lebenswelten in Syrien, im Iran und Irak“ erfuhren. Der Kirchenkreis kooperierte bei dieser Veranstaltung mit dem Netzwerk Asyl der evangelischen Christusgemeinde sowie der katholischen St. Ludwig-Gemeinde.

Die Völkerkundlerin aus Münster räumte zunächst mit der Vorstellung auf, „der“ Islam sei eine einheitliche Religion. Anhand eines historischen Exkurses und vieler Fakten machte sie deutlich, welche Glaubensrichtungen vorherrschend und wie diese über Jahrhunderte entstanden sind. Zum leichteren Verständnis gab sie zunächst einen geografischen Überblick über die Region, in der einstmals die Wiege der Menschheit stand. Aus der Geschichte haben sich Rivalitäten zwischen den ethnischen Gruppen der Araber, Perser (Farsi), Kurden und Aramäer (Syrer) entwickelt, obwohl die Völker zeitweise friedlich nebeneinander lebten.

Konfliktpotential entsteht aus der Zugehörigkeit der Bewohner zur sunnitischen oder schiitischen Strömung des Islam. Daneben existieren zahlreiche andere Religionen, die islamisch, christlich oder jüdisch beeinflusst sind. Etwa 90 Prozent der Muslime bekennen sich zum Sunnitentum, der Iran hingegen ist mehrheitlich schiitisch geprägt. Die Spaltung begann im siebten Jahrhundert im Streit um die Nachfolge des Propheten Mohammed. Die Ausübung des jeweiligen Glaubens und dessen Wirkung auf den Alltag der Bevölkerung erklärte Sandra de Vries anhand einer Powerpoint-Präsentation, die einige Unkenntnisse über Strukturen und Hintergründe beseitigte. Auch Erklärungen zur unterschiedlichen Rolle von Mann und Frau und zu Ursachen für Bürgerkriege in der arabischen Welt waren zu erfahren.

Im Leben der etwa 1,3 Milliarden Muslime weltweit nimmt die Familie eine zentrale Stellung ein, erfuhren die Besucher von der Ethnologin. Die Ausführungen zu den derzeitigen politischen Verhältnissen in Ländern des Nahen Ostens beruhten auf einer detaillierten Schilderung der geschichtlichen Grundlagen. Sie konnten viel zum Verständnis der unübersichtlichen Lage beitragen. Unterschiede in den Lebensweisen und Formen der Religionsausübung von Sunniten, Schiiten, Aleviten, Alawiten, Jesiden, Wahhabiten, Juden oder Christen sind beträchtlich. Sie reichen von liberalen Ausrichtungen bis zu ultraorthodoxen Strömungen.

Die Referentin beantwortete sachkundig Fragen der Zuhörer und machte kein Hehl aus ihrer Sorge, dass das Pulverfass an dieser Stelle eines Tages explodieren könnte. Wirtschaftliche Aspekte spielten dort ebenso eine Rolle wie der Stolz, die „Krone der Welt“ zu sein. Es sei ein Fehler, den arabischen Ländern das Demokratieverständnis des Westens einfach „überzustülpen“ zu wollen. Das könne nicht funktionieren und führe zu Widerstand. Egal wie zerstritten die Völker seien, gegen Angreifer des Islams würden sie weltweit zusammenstehen.

An dem Kampf um Rohstoffe und Zufahrtswege seien internationale Interessen maßgeblich beteiligt. Wäre dies nicht der Fall, sähe sie eher eine Lösung, stellte Sandra de Vries fest. Die aktuelle Situation sei eine Spätfolge von Missionierung, Kolonisierung und ökonomischen Verflechtungen. Zum Thema Integration hatte sie eine klare Meinung: Diese gelinge ganz leicht, wenn Menschen aufeinander zugehen, Unterschiede zulassen und Gemeinsamkeiten anerkennen. 

Adelheid Zühlsdorf-Maeder dankte für den informativen Vortrag. Sie wies zudem auf die nächsten Veranstaltungen in der Weiterbildungsreihe hin. Im Rahmen der Ausstellung „Asyl ist Menschenrecht“ vom 7. bis 26. Juni an verschiedenen Standorten in Westerkappeln wird am 19. Juni zu einem Diskussionsabend mit Volker Maria Hügel im Dietrich-Bonhoeffer-Haus eingeladen. Beginn ist 19 Uhr.

Text: Brigitte Striehn

 

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