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Berührungspunkte mit Kirche im Alltag schaffen - Vortrag zur Zukunft von Kirche beim Männerfrühstück in Ibbenbüren

Ein geistlicher Impuls, vorgetragen von Reinhard Paul, stimmte am 26. November 2022 die Teilnehmer des 20. Männerfrühstücks im Gemeindehaus „Blick.punkt“ der evangelischen Kirchengemeinde Ibbenbüren auf einen anregenden Vormittag ein.

Der Pfarrer i. R. verwies auf Jesus Christus als Ursprung und Mitte des Glaubens. „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“, sagte Jesus. „Also sind wir heute Kirche, denn Jesus ging es zuallererst um Menschen, nicht um Institutionen, betonte Reinhard Paul. Notwendige Veränderungen beträfen alle Kirchen gleichermaßen, wie auch katholische Bischöfe anmahnen. „Gerät die Kirche nicht gerade dann in die Krise, wenn wir in all unserem Tun nicht mehr den Worten Jesu folgen?“, fragte er.

André Ost, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Tecklenburg, stellte in seinem Vortrag zum Thema „Kirche in der Krise“ eine Vielzahl von Gründen für Kirchenaustritte vor. Er lotete zudem Möglichkeiten aus, diesem Trend entgegenzuwirken. Die Feststellung, dass die Zahl der Kirchenaustritte in Nordrhein-Westfalen ein Allzeithoch erreicht hat, untermauerte er mit aktuellen Statistiken, die das erschreckende Ausmaß der Situation deutlich machten. Hinzu komme der demografische Faktor, der das Schrumpfen der Gemeinden beschleunigt.

Im Jahr 2021 haben insgesamt 639.338 Gläubige den Kirchen den Rücken zugekehrt, so Ost. Der Bevölkerungsanteil von Menschen, die nicht den Amtskirchen angehören, lag erstmals über 50 Prozent. Dies habe durch einen Rückgang der Kirchensteuer Einfluss auf die Finanzkraft, aber auch auf Bestattungskultur, Religionsunterricht oder karitative Aufgaben. Aber warum treten Menschen aus der Kirche aus? Die Gründe seien differenziert zu betrachten, führte der Referent aus. Margot Käßmann macht dafür fehlende Vorbilder in Familien, Missbrauchsskandale, Eingreifen der Kirchen in persönliche Lebensbereiche und verspieltes Vertrauen verantwortlich. Pfarrer em. Hermann Hinse, lange Jahre in St. Modestus Dörenthe tätig, schreibt in seiner Weihnachtsbotschaft: „Die Kirche wird glaubwürdiger, wenn ihre Mitglieder sich in gläubiger Überzeugung zu ihr bekennen“. Darauf wies Diakon Karl-Heinz Eiben vom Seelsorgeteam der katholischen Kirche Ibbenbüren hin.

André Ost zitierte den Religionssoziologen Detlef Pollack aus Münster, der festgestellt hatte, dass die Relevanz von Kirche in der Gesellschaft sich deutlich abgeschwächt hat. Sie ist vielen Menschen schlicht und einfach gleichgültig geworden. Die Gründe sind vielfältig und beruhen keineswegs vordergründig auf der Kirchensteuer, wie Studien zeigen. Nur selten begründet ein konkreter Anlass die Entscheidung. Es ist vielmehr ein schleichender Prozess, verschärft durch den Wandel in der Gesellschaft durch Säkularisierung, Pluralismus und individuelle neue Lebenssituationen.

Mit Ausführungen zu notwendigen Strukturveränderungen im Kirchenkreis Tecklenburg machte er deutlich, dass sich Gebäude-Infrastruktur und Personaleinsatz verändern werden. Er stellte Zukunftsplanungen vor, die auf weniger Mitglieder und geringere Finanzmittel reagierten. Ehrenamtliches Engagement für Projekte vor Ort werde an Bedeutung zunehmen, wenn weniger Pfarrer zur Verfügung stehen. „Wir müssen das Kleinerwerden akzeptieren, dürfen dabei aber nicht resignieren“, so der Superintendent. Er schlug vor, frische Impulse zu setzen und Kirche als Gegenpol zum Leistungsdruck in Beruf oder Freizeit zu entwickeln.

In der regen Diskussion wurden der Rückgang an persönlichen Kontakten durch immer weniger Pfarrer, die Entwidmung von Kirchengebäuden, stärkeres ehrenamtliches Engagement, Bildung, Diakonie, Seniorenbetreuung oder Kinder- und Jugendarbeit angesprochen. Pfarrer Reinhard Lohmeyer verwies auf vielfältige Lebensformen in einer pluralistischen Gesellschaft, denen die Kirchen Rechnung tragen müssten. Dazu gehöre es, selbst Vorbild zu sein und einladend für den Glauben zu werben“, ergänzte Ost. Die Kernfrage sei: Wie erreichen wir die Menschen und was brauchen sie von uns, hob er hervor. Ökumene, Teamarbeit und Kooperationen stellen in diesem Zusammenhang eine große Chance dar.

Text: Brigitte Striehn

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